Schwert und Laute
Krüge gleiten. In der Tat, die Schachtel war nicht mehr da. Ratlos wandte ich mich zu ihm um.
»Und?«, fragte er kalt.
»Sie ist nicht da. Liam... Ich habe sie nicht genommen, ich schwöre es dir.«
Liam hatte sich auf den Bettrand gesetzt und beobachtete mich aufmerksam. Er musste zu dem Schluss gekommen sein,
dass ich ihm die Wahrheit sagte, denn seine Miene wurde weicher.
»Liam?«
»Schon gut, Caitlin, ich glaube dir. Aber welche Erklärung gibt es dann für das Verschwinden der Schachtel?«
»Vielleicht hast du sie verlegt«, bemerkte ich vorsichtig.
»Unmöglich. Ich rühre sie niemals an.«
»Könnte jemand ohne unser Wissen hier hereingekommen sein?«
»Aber wer? Und warum hätte er die Schachtel nehmen sollen?«
Ich dachte über seine Frage nach. Wer würde die Haarsträhnen von Anna und Coll stehlen wollen? Das war absurd! Ich wusste, dass Liam zutiefst verletzt war. Man hatte ihm einen Teil seines Lebens entrissen, und er hatte diese Schachtel verwahrt wie eine Reliquie. Und nun hatte sie jemand entweiht, gestohlen. Diese Person musste eine Seele haben, die so böse war wie der Teufel. Meghan? War ihr Herz ebenso schwarz wie ihr Äußeres schön? Möglich war das schon; Rachsucht konnte jedes Herz verderben, und manchmal war das Böse stärker als das Gewissen.
Am nächsten Morgen beschloss ich, einige Stunden darauf zu verwenden, den Inhalt des Schrankes genau zu überprüfen. Mir fehlten ein Taschentuch und zwei Kerzen, und die Nadeln, die ich auf dem Tisch liegen gelassen hatte, waren ebenfalls nicht aufzufinden. Zwei Tage zuvor hatte ich ein wenig geflickt, während ich auf Geillis’ Tochter wartete, der ich ein Kleid kürzen sollte. Doch Morag war nicht gekommen, und ich hatte vergessen, die Nadeln wegzuräumen. Also musste der Schuldige an diesem Tag gekommen sein, während ich Sàra im Küchengarten half.
Nichts anderes fehlte oder war an einen anderen Platz gelegt worden. Ich wollte den Schrank schon wieder schließen, als ein schwarzes Band meinen Blick anzog. Es steckte zwischen meinen Unterröcken und Hemden zum Wechseln. Ich zog daran und stieß einen angeekelten Schrei aus, als ein kleiner vertrockneter Gegenstand, der daran festgeknotet war, zu Boden fiel. Entsetzt betrachtete ich die Vogelkralle und wagte nicht, sie anzurühren.
Ein merkwürdiges Gefühl stieg in mir auf. Kein Zweifel, jemand war hier gewesen, ohne dass wir davon wussten, und war mit dem Ziel, Böses zu tun, in unser Leben eingedrungen. Nachdenklich schlug ich die Schranktüren zu, lehnte mich dagegen und sah mich im Zimmer um. Was mochte Meghan nur bezwecken?
Kurz nach Mittag stattete der kleine Robin mir einen Besuch ab. Er brachte mir Brot und frische Eier, die seine Mutter mir schickte.
»Jetzt hättet Ihr ja ein Haus für Semrag«, meinte er fröhlich.
»Nun ja, ich muss mit Liam darüber sprechen, aber ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hätte«, versicherte ich ihm und tätschelte ihm den Kopf. »Bestimmt wird er einmal ein guter Jagdhund. Jetzt ist er aber noch zu klein dazu.«
Robin wollte schon wieder gehen, als er sich mit strahlendem Gesicht zu mir umwandte.
»Mutter hat Vaters Sgian dhu wiedergefunden«, flüsterte er. »Sie ist sehr glücklich darüber. Ach... Und das hätte ich fast vergessen! Die alte Effie fragt, ob sie Euch heute Nachmittag einen kleinen Besuch abstatten darf.«
»Effie?«, fragte ich beklommen. »Hat sie dir gesagt, warum sie mit mir sprechen will?«
Er schüttelte den Kopf.
»Schön, dann sag ihr, dass ich mich freuen würde, sie zu sehen.«
Am frühen Nachmittag klopfte Effie an meine Tür. Liam war nach Ballachulish geritten, um Vorräte einzukaufen, die uns noch fehlten, wie zum Beispiel Leinenstoff für Hemden, Gewürze, Tee... und Nähnadeln. Er würde gewiss nicht vor dem späten Nachmittag zurückkommen; wir hatten also genug Zeit, uns bei einem Kräutertee in aller Ruhe zu unterhalten.
Zuerst beglückwünschte die alte Frau mich zu meiner Heirat. Sie sprach von der Gartenarbeit und einer neuen Salbe gegen rissige Hände und Lippen, die ihrer Meinung nach sehr wirksam war. Sie schwatzte, erzählte mir die neuesten Gerüchte aus dem Dorf, dass der kleine Allan so schnell genesen war, dass sie die
Gicht des armen Munro nicht hatte lindern können, dass Kirsten schwanger war. Doch bei allem wirkte sie sehr nervös und sichtlich besorgt. Ich beschloss, das wichtige Thema selbst zur Sprache zu bringen: Meghan. Da ließ sie plötzlich die Schultern
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