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Schwert und Laute

Schwert und Laute

Titel: Schwert und Laute Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sonia Marmen
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nach Irland?«, fragte er erstaunt.
    »Nein, nicht nach Irland, sondern nach Edinburgh.«
    Zweifelnd musterte er mich. Das Hündchen zappelte in seinem Hemd heftig herum, ohne dass er es zu bemerken schien.
    »Euer Zuhause ist nicht in Irland?«
    »Jetzt nicht mehr. Auch ich musste meine Heimat verlassen, um anderswo zu wohnen. Mein Vater lebt jetzt in Edinburgh.«
    Er überlegte einen Moment, dann zuckte er gelassen die Achseln.
    »Nun gut!«, sagte er einfach und befreite das Tierchen aus seinem Stoffgefängnis. »Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ihn mitnehmen. Es wird ihm sicher gefallen, in Edinburgh zu leben. Er wird dort Freunde finden.«
    »Vielleicht«, sagte ich und streichelte ihm den Kopf. »Ich will
es mir überlegen. Im Moment ist er aber noch sehr klein und braucht seine Mama, genau wie du.«
    Ich beneidete den Kleinen um seine Sorglosigkeit und Naivität. Durch seine Jugend war er offenkundig in der Lage gewesen, die schrecklichen Erlebnisse nach dem Massaker leichter zu verarbeiten. Und wenn nicht, dann hatten die Folgen ihn, anders als seinen Bruder Calum, anscheinend nicht fürs Leben gezeichnet.
    »Ist Irland schön?«
    »Ich habe nicht viel von meinem Land gesehen, Robin«, gab ich nachdenklich zurück. »Ich habe in einer großen Stadt gelebt, in der es keine schönen grünen Hügel und keine Heide gab, wo man herumrennen konnte. Meine Brüder und ich mussten in schmutzigen, stinkenden Gassen spielen. Aber trotzdem habe ich mich mit meinem Bruder Patrick gut unterhalten. Wir beide haben ziemlich viele Dummheiten gemacht.«
    »Schlimme?«, erkundigte sich Robin, der plötzlich sehr interessiert wirkte.
    »Einige, ja. Eines Tages haben wir es zum Beispiel geschafft, uns in den Taubenschlag des Stadtprokurators zu schleichen. Patrick und ich wollten ein paar Tauben mit nach Hause bringen, als Abwechslung von der ewigen, aus Hammelknochen gekochten Brühe, die unser Vermieter uns aus Mildtätigkeit gab. Es war sehr heiß, und der Gestank im Taubenschlag war unerträglich. Daher hatten wir ein paar Fensterläden offen gelassen, um zu lüften, während wir unsere Tauben jagten. Doch ohne dass wir es bemerkt hatten, war eine Katze durch eines der Fenster hereingeschlichen. Nach einigen Minuten hatten wir eine ziemlich große Mitstreiterin. Die Katze konnte viel besser als wir auf den Balken herumklettern. Wir veranstalteten einen höllischen Lärm. Überall flogen Federn herum, und die Vögel waren verrückt vor Angst. Der ganze Radau rief schließlich die Köchin des Prokurators auf den Plan. Sie hat meinen Bruder und mich erwischt, als wir gerade unsere dritte Taube fingen.«
    Ich unterbrach mich, sah in Gedanken wieder das zornrote Gesicht der beleibten Dame vor mir und prustete laut los.
    »Wir haben die Prügel unseres Lebens bekommen«, fuhr ich lachend fort. »Die Katze hat die Flucht angetreten, ohne dass die
Köchin es bemerkt hätte, und Patrick und ich wurden für das ganze Gemetzel verantwortlich gemacht. Alles in allem gab es elf Opfer. Dafür hat mein Vater uns mit seinem Ledergürtel geschlagen. So viele Schläge wie tote Tauben für mich, und das Doppelte für meinen Bruder, weil er der Ältere war.«
    »Autsch!«, stieß Robin hervor und krauste die Nase. »Das hat bestimmt ein paar Tage lang wehgetan.«
    »Patrick konnte sich zwei Tage lang nicht richtig hinsetzen, weil er die Schläge auf den nackten Po erhalten hat. Ich hatte da mehr Glück, denn mein Vater hat mir erlaubt, einen Unterrock anzubehalten, weil er fürchtete, ich könnte Narben davontragen.«
    »Dann habt Ihr Eure Tauben nicht zum Abendessen bekommen?«
    »Aber nein! Wir mussten sogar ohne Essen ins Bett. Ich glaube, der Prokurator hat sie verspeist«, sagte ich und steckte die Nase in Seamrags warmes Fell. Das Hündchen schlief friedlich in meiner Armbeuge.
    Der Welpe roch gut nach Heu. Ich legte ihn wieder zu seiner Mutter, die ihn ein paar Mal ableckte.
    »Ich habe auch schon Dummheiten gemacht«, murmelte Robin mit schuldbewusster Miene. »Wenn Ihr wollt, erzähle ich Euch von einer.«
    »Dachte ich mir doch, dass du nicht immer ganz artig bist«, sagte ich und zwinkerte ihm zu. »Erzähl mir dein Geheimnis.«
    »Einverstanden«, gab der kleine Junge zurück und reckte die Schultern. »Ihr dürft aber niemandem etwas verraten, versprochen?«
    Ich lehnte mich an die grob zusammengefügten Holzbretter des Abteils.
    »Versprochen! Nur zu, ich höre.«
    »Das ist eine sehr große Dummheit«, erklärte Robin und betonte das

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