Schwert und Laute
wirklich auf dem Weg der Besserung zu befinden.«
Begierig biss ich in das zarte Gebäck, als ein dickes, in schwarzes Leder gebundenes Buch meine Aufmerksamkeit erweckte. Der Einband war abgewetzt und vom Alter hart geworden. Effie war meinem Blick gefolgt, nahm den Band und legte ihn vor sich hin.
»Man könnte meinen, es mit einem alten Grimoire, einem Hexenbuch, zu tun zu haben.«
»In gewisser Weise ist es das auch. Es handelt sich um eine alte Rezeptsammlung mit Angaben zu den medizinischen Eigenschaften der Pflanzen, und dazu noch einigen Zaubersprüchen.«
»Zum Beispiel Liebeszauber?«, fragte ich und zog fasziniert eine Augenbraue hoch.
»Braucht Ihr einen?«, gab sie spöttisch zurück und lächelte verhalten.
Ich strich mit den Fingerspitzen über das Leder.
»Darf ich?«
»Selbstverständlich.«
Sie schob das Buch vor mich hin. Durch das Alter war die Schrift auf dem Einband unleserlich geworden, und der einstige Goldschnitt war matt geworden und abgegriffen. Der Einband öffnete sich unter dem Knistern brüchigen Papiers. Die vergilbten Seiten waren mit einer feinen, ebenmäßigen Schrift bedeckt. Ich versuchte, ein paar Zeilen zu lesen, bemerkte aber rasch, dass der Text in einer mir unverständlichen Sprache verfasst war.
»Das Buch ist über eine Tante an mich weitergegeben worden, die Nonne in einem Kloster im französischen Poitou war. Es ist mir sehr teuer, doch meine alten Augen sehen nicht mehr besonders gut.«
»Dann versteht Ihr Französisch?«
»Sehr wenig. Die Macdonald-Jungen und ihre Vettern haben mir einige Passagen übersetzt. Sie sprechen fließend Französisch.«
»Wirklich? Ich wusste ja gar nicht, dass Liam Französisch kann. Sie haben also eine höhere Bildung absolviert?«
»Ja, sie haben das King’s College in Aberdeen besucht und einige Zeit in Frankreich verbracht.«
Ich lächelte, als ich versuchte, mir diese eher bäuerlich wirkenden Highlander-Riesen in einem so kultivierten Rahmen wie einer Universität oder sogar einem königlichen Hof vorzustellen.
»Mein älterer Bruder konnte auch einige Jahre die Schule besuchen«, sagte ich, »als die Geschäfte meines Vaters noch gut gingen, bevor er alles verlor. Dann hat Michael uns lesen gelehrt, meine zwei anderen Brüder und mich. Ich bin ihm heute noch dankbar«, erklärte ich in Gedanken verloren.
»Wo sind sie heute?«
»Michael ist tot. Patrick, Matthew und mein Vater leben in Edinburgh. Und Ihr, habt Ihr noch Familie?«, fragte ich indiskret, um das Thema zu wechseln.
Mir war ohnehin das Herz schwer, und ich hatte wirklich keine Lust, ihr heute meine Geschichte zu erzählen. Das zerfurchte Gesicht der Alten verdüsterte sich. Sie spielte mit der Ecke des fadenscheinigen leinenen Tischtuchs.
»Ich war einmal verheiratet, vor sehr langer Zeit. Damals war ich siebzehn. Er war ein Stewart aus Appin. Douglas Steward von Ardshiel. Ein prachtvoller Mann und ein stolzer Krieger... Unsere Ehe währte nur sehr kurz: Douglas ist ein Jahr später in der Schlacht von Inverlochy gefallen. Danach bin ich von einem Clan zum anderen geirrt und habe für eine Unterkunft und etwas zu essen meine Dienste als Hebamme und Heilerin feilgeboten. Ich habe nie wieder geheiratet.«
Es fiel mir schwer, mir diese gebeugte alte Frau mit ihren verzogenen Gelenken und der faltigen Haut als junge Frau von siebzehn Jahren vorzustellen, frisch wie eine Rose und in den Armen eines feurigen Kriegers.
Laute Stimmen kündigten das Eintreffen Meghans und ihres Bruders an. Isaak erschien in der Tür; an seinem Gürtel baumelten zwei Moorhühner. Er erblickte mich und verzog einen Mundwinkel zu einem Lächeln. Effie warf ihm einen zornigen Blick zu.
»Ihr kommt viel zu spät zum Essen. Wo ist deine Schwester? Meine Suppe kann nicht wegen eurer schönen Augen den ganzen Tag vor sich hinkochen.«
»Sie wollte nicht essen; sie schmollt schon den ganzen Tag. Sprich sie lieber nicht an.«
Ungezwungen trat er herbei und setzte sich vor seine dampfende Schale.
»Was hat sie?«, erkundigte ich mich.
Träge zuckte er die Achseln. Sein stechender Blick hob sich kurz von seinem Löffel und richtete sich auf mich. Mir lief es kalt über den Rücken. Machte er mich etwa für das Unglück seiner Schwester verantwortlich?
»Fragt sie doch selbst.«
Effie beobachtete uns wortlos. Ein bleiernes Schweigen hatte sich über uns gesenkt. Isaak hob den Blick kein weiteres Mal, sondern aß eilig seine Suppe auf, erhob sich und ging hinaus. Effie zog eine
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