Shogun
und setzte den behutsam vor sie hin. »Mariko-san, wenn unser Haus Geldschwierigkeiten hat, nehmt sie, und verkauft sie.«
»Niemals!« Sie stellte neben seinen Schwertern und dem überlangen Bogen den einzigen Besitz dar, der ihm im Leben etwas bedeutete. »Die Dose wäre das letzte, was ich jemals verkaufen würde. Nein, Buntaro-san, die T'ang-Dose gehört Euch.«
»Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wem soll ich sie hinterlassen? Saruji?«
Sie ließ den Blick auf den Kohlen ruhen; das Feuer verzehrte den Vulkan – ein Sinnbild dafür, daß selbst ein Vulkan nichts war. »Nein. Nicht, ehe er selbst ein würdiger Cha -Meister geworden ist und es in dieser Kunst zu der gleichen Vollkommenheit bringt wie sein Vater. Ich würde Euch raten, die T'ang-Dose Herrn Toranaga zu hinterlassen – er ist ihrer würdig – und ihn gleichzeitig zu bitten, vor seinem Tode zu entscheiden, ob unser Sohn es verdient, sie zu besitzen.«
»Und wenn Herr Toranaga verliert und stirbt, noch ehe es Winter wird?«
»Wie bitte?«
»Hier, wo wir ganz allein sind, kann ich Euch ja ruhig die Wahrheit sagen, und zwar rückhaltlos. Jawohl, er wird verlieren, es sei denn, er könnte Kiyama und Onoshi auf seine Seite ziehen – und Zataki.«
»Wenn das so ist, macht eine Klausel in Eurem Testament, daß die T'ang-Dose in feierlichem Zug zu Seiner Kaiserlichen Hoheit geschickt werde, und ersucht Sie, sie anzunehmen. Die T'ang-Dose hat es wirklich verdient, einen göttlichen Besitzer zu haben.«
»Ja. Das wäre die beste Lösung.« Er betrachtete das Stilett und meinte dann umdüstert: »Ach, Mariko-san, für Herrn Toranaga kann man nichts mehr tun. Sein Karma ist geschrieben. Und ob er gewinnt, oder ob er verliert – ein furchtbares Töten wird in jedem Fall anheben.«
»Ja.«
Brütend löste er die Augen von ihrem Stilett und betrachtete die Ranke des wilden Thymians, an der immer noch die Träne haftete. Später sagte er: »Wenn er verliert – ehe ich sterbe, werde ich oder wird einer meiner Männer den Anjin-san töten.«
Ihr Antlitz schimmerte in der Dunkelheit. Der sanfte Wind bewegte ein paar Strähnen ihres Haars, was sie noch statuenhafter erscheinen ließ. »Verzeiht, bitte, aber dürfte ich fragen, warum?«
»Er ist zu gefährlich, als daß man ihn am Leben lassen dürfte. Sein Wissen, seine Vorstellungen, von denen ich ja nur aus fünfter Hand gehört habe … er wird das Reich ins Verderben stürzen und selbst Herrn Yaemon anstecken. Herr Toranaga steht bereits jetzt in seinem Bann.«
»Herr Toranaga erfreut sich seiner Kenntnisse«, sagte Mariko.
»In dem Augenblick, da Herr Toranaga stirbt, ist auch die letzte Stunde des Anjin-san gekommen. Freilich hoffe ich, daß unserem Gebieter vorher noch die Augen aufgehen.« Er hob die Augen zu ihr auf. »Steht Ihr in seinem Bann?«
»Er ist ein faszinierender Mann. Aber sein Geist arbeitet so ganz anders als der unsere … seine Wertvorstellungen … ja, sie sind von den unseren so grundverschieden, daß es bisweilen nahezu unmöglich ist, ihn überhaupt zu verstehen. Einmal habe ich versucht, ihm den Sinn der Cha-no-yu zu erklären, aber das ging über seinen Horizont.«
»Neulich, an jenem Abend in Anjiro, der dann so schlimm endete – in dieser Nacht spürte ich, daß Ihr an seiner Seite wart, gegen mich. Selbstverständlich war das ein böser Gedanke – aber ich habe es gespürt.«
Sie riß den Blick von der Klinge los. Unbeirrt sah sie ihn an, ohne etwas zu entgegnen. Ein Lämpchen sprühte kurz auf und erlosch. Jetzt blieb nur noch eine Lampe im Raum.
»Jawohl, ich habe ihn gehaßt in jener Nacht«, fuhr Buntaro mit derselben ruhigen Stimme fort. »Und ich habe ihn tot sehen wollen – und Euch und Fujiko-san auch. Mein Bogen flüsterte mir etwas zu, wie er es manchmal tut, und forderte mich auf zu töten. Und als ich ihn dann am nächsten Morgen mit diesen lächerlichen kleinen Pistolen in der Hand wie einen Feigling den Hügel herunterkommen sah, baten meine Pfeile, sein Blut trinken zu dürfen. Aber ich schob es auf, ihn umzubringen, und erniedrigte mich, haßte meine schlechten Manieren mehr als ihn, denn meine schlechten Manieren und der Saké hatten Schande über mich gebracht.« Jetzt zeigte sich, wie erschöpft er war. »Ach, die viele Schande, die wir zu tragen haben, Ihr und ich. Neh?«
»Ja.«
»Ihr möchtet nicht, daß ich ihn töte?«
»Ihr müßt das tun, was Ihr für Eure Pflicht anseht«, sagte sie. »Genauso wie auch ich immer meine
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