Tag der Vergeltung
seien Sie nicht dumm. Überlegen Sie genau, was Sie da tun … Lassen Sie uns abwarten. In einigen Tagen wird die Anklageschrift vorliegen, dann erhalten wir Akteneinsicht und werden sehen, was sie in der Hand haben. Ich sage Ihnen aus Erfahrung, wenn sie jetzt auf uns zukommen, sitzen sie in der Klemme … Halten Sie nur noch ein paar Tage durch … Vertrauen Sie mir«, bat Rosen ihn.
Das Frühstück, das er wenige Stunden zuvor gegessen hatte, stieg ihm die Kehle hinauf. Er hielt es in diesem Raum nicht länger aus, musste weg. Die Würfel waren gefallen, da war nichts mehr zu machen. Der Preis war zu hoch.
Er stand auf, ging zur Tür und hämmerte dagegen.
Rosen schwieg und verfolgte ihn mit den Augen.
Der Wärter machte die Tür auf. »Gibt’s ein Problem?«
Er schüttelte den Kopf.
»Kein Problem«, hörte er hinter sich Rosen.
Er drehte sich um und sah ihn noch einmal an. »Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe, und so schnell wie möglich. Jetzt gleich, wenn Sie zu der Staatsanwältin gehen. Ohne irgendwelche Verhandlungen und Tricks. Es hat alles seine Richtigkeit. Ich bin der Täter.«
20
Als er das Büro von Staatsanwältin Galith Lavi betrat, entsann sich Assaf Rosen unwillkürlich, dass er vor einigen Monaten, nachdem er ihr bei einer Gerichtsverhandlung gegenübergestanden hatte, einen erotischen Traum von ihr gehabt hatte. Obwohl sie an jenem Tag, wie bei allen ihren Fällen, Unbeugsamkeit par excellence demonstriert hatte, war der Sex, den sie im Traum gehabt hatten, sanft und zärtlich gewesen.
Die Erinnerung an jene Nacht war ihm peinlich, nichtsdestotrotz hatte er, während er sie freundlich anlächelte, wieder ihren nackten Körper aus dem Traum vor Augen und senkte leicht den Blick. Sie hatten bereits bei einigen Fällen miteinander zu tun gehabt. Anziehend hatte er sie schon immer gefunden, sodass er sich hin und wieder fragte, wie sie wohl reagieren würde, wenn er es durchblicken ließe.
Sie setzten sich und plauderten ein wenig über die verschiedenen Richter, Staatsanwälte und Verteidiger, in dem Wissen, dass es ihr Vorspiel war zu den Verhandlungen, die sie gleich führen würden und die das Schicksal von Ziv Nevo besiegelten.
Er hatte noch keine Ahnung, was er tun sollte, wohin er den Fall lenken sollte und vor allem, wie zu verfahren hier richtig war. Nevos Verhalten war befremdlich. Rosen war es gewohnt zu hören: »Ich bin nicht schuld«, »Mir wird unterstellt«, »Ich werde verfolgt«, doch Nevo hatte etwas Authentisches, Verzweifeltes, das ihm naheging. Selbstverständlich ließ er sich das nicht anmerken. Die Distanz zum Mandanten war der beste Selbstschutz, das hatte er schon vor einer guten Weile gelernt. War er emotional zu stark in die Angelegenheiten eines Mandanten verstrickt, nahm er es sich zu sehr zu Herzen, wenn es schiefging. War es nicht die Justiz, die ihn enttäuschte, waren es die Mandanten mit ihren Lügen, ihrer Erbärmlichkeit, ihrer mangelnden Bereitschaft, sich selbst zu helfen.
Als der Anruf von Galith Lavi gekommen war, hatte er sich für Nevo gefreut. Er hatte es auch als Genugtuung empfunden. Er hatte es also noch im Gespür und konnte unter seinen vielen Mandanten diejenigen ausmachen, die unschuldig waren. Vielleicht, so hoffte er, würde sich daraus ein Fall entwickeln, von dem er immer geträumt hatte und weswegen er überhaupt Verteidiger geworden war: der Freispruch eines unschuldigen Menschen allen Widrigkeiten zum Trotz. Doch beim zweiten Treffen mit Nevo hatte sich das Blatt gewendet, und zu seiner Verblüffung hatte er ihm eindeutig mitgeteilt, dass er der Täter sei, und ihn mit diesem Geständnis losgeschickt.
Wem sollte er glauben – dem Nevo vom ersten oder dem vom zweiten Gespräch? Und was machte das eigentlich für einen Unterschied? Seine Aufgabe bestand darin, sich in den Dienst des Mandanten zu stellen: wollte er dagegen ankämpfen – gut, wollte er gestehen – auch gut. Der Wille des Mandanten hatte Vorrang. Seit wann spielte denn bei seiner Arbeit die Wahrheit eine Rolle? Welchen Stellenwert hatte sie? Schließlich fragte er, ebenso wie alle anderen Verteidiger, die er kannte, seine Mandanten nie, ob sie schuldig seien oder nicht. Er hatte Fälle von Anfang bis Ende betreut, leidenschaftlich argumentiert, gestritten, alles, ohne die Wahrheit zu kennen.
Dennoch hatte er ein ungutes Gefühl. Zwischen dem ersten und dem zweiten Treffen musste etwas vorgefallen sein, das nicht mit der Frage in Zusammenhang stand, ob Nevo Adi
Weitere Kostenlose Bücher