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Texas

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Titel: Texas Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James A. Michener
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Republikaner um das Gouverneursamt von Texas oder um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten kämpften; wegen der anhaltend feindseligen Stimmung, die noch aus den Jahren der »Reconstruction« herrührte, wurde in Texas jedoch fast ein Jahrhundert lang kein Republikaner in ein höheres Amt berufen. Diese Novemberwahlen waren also eine reine Formsache.
    Was zählte, das war die Wahl des Kandidaten der Demokraten im Sommer, denn dabei erhitzten sich die Gemüter manchmal so sehr, daß es sogar zu Schießereien kam. Vor 1906 hatten die Demokraten ihre Anwärter in einer Parteiversammlung bestimmt, aber es war zu Unregelmäßigkeiten gekommen, und so hatte man ein Reformgesetz verabschiedet, wonach die Nominierung durch öffentliche Wahl erfolgen mußte - was immer noch genügend Gelegenheiten für die Anwendung von Tricks ließ, so daß die Berufspolitiker auch weiterhin den Ton angeben konnten. Jetzt kam es im ganzen Staat zu Geschrei und Gezänk, und nirgends waren diese neuen Vorwahlen korrupter als am Rio Grande, wo beispielsweise ein Wahlkreis mit einer Bevölkerung von 356 - einschließlich der Frauen, die kein Stimmrecht besaßen, und ihrer Kinder - am späten Abend des Wahltags bekanntgab, der von ihnen gewählte demokratische Kandidat habe mit 343 zu 14 gewonnen.
    Die plumpste Seite der texanischen Politik zeigte sich jedoch bei einer dritten Art von Wahl. Das war die lokale Wahl in der Stadt oder im County, bei der sich sowohl Demokraten als auch Republikaner bewarben und der Sieg mal der einen, mal der anderen Partei zufiel. Eine Gemeindewahl in den spanischsprechenden Counties konnte eine furchtbare Sache sein.
    Wenn nun aber bei Wahlen im ganzen Staat Texas die Mehrheit nie an die Republikaner ging, wie konnte diese Partei erwarten, bei lokalen Wahlen am Fluß den Sieg zu erringen? Auf diese Frage gab es drei Antworten: Loyale texanische Bürger, die kein Englisch sprachen, konnten manipuliert werden; mexikanischen Bürgern konnte man gefälschte Kopfsteuernnachweise aushändigen und sie als Republikaner beziehungsweise als Demokraten einschreiben; und dann gab es ja die internationalen Brücken. Diese mickrigen Holzbrücken hatten oft nur eine Fahrbahn, aber sie waren mit Zollbeamten besetzt, die Washington hierhergeschickt hatte, und da in diesen Jahren republikanische Präsidenten wie McKinley, Roosevelt und Taft das Land regierten, waren es ihre Gefolgsleute, die in allem, was die Brücken betraf, das Sagen hatten.
    Hundert Kilometer stromaufwärts der Mündung des Rio Grande in den Golf von Mexiko verband eine wacklige Holzbrücke Mexiko mit den Vereinigten Staaten, und an jedem der zwei Ufer war eine kleine, unbedeutende Stadt entstanden - die Brücke war wichtiger als beide Städte zusammen. In bedrückender Armut lebende nordmexikanische Bürger wurden nun in Grenzstädte wie diese gelockt und ließen sich dort in der Hoffnung, Arbeit zu finden, nieder. In der Stadt Escandón auf der mexikanischen Seite lebten zweitausend Menschen; der kleine Ort Bravo auf der texanischen Seite hatte nur halb so viele Einwohner.
    In diesen ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war das Zollamt in Bravo mit einem skrupellosen, sehr tüchtigen und außerordentlich charmanten Herrn besetzt. Es war ein stämmiger, lauter, rothaariger Ire aus New York, vierzig Jahre alt und Absolvent jener korrupten Schule des Republikanismus, die nur darin ihre Daseinsberechtigung fand, daß sie die noch schlimmere Korruption der Tammany-Demokraten bekämpfte. Mit der schamlosen Unterstützung durch drei andere Typen seines Schlages aus dem Osten und neun harte Burschen aus der Stadt hatte Tim Coke schon seit langem den Demokraten von Saldaña den Krieg erklärt; in diesem Jahr 1908 sah er eine echte Chance, den Sieg zu erringen: »Die Zeit ist gekommen, diesen County ein für allemal republikanisch zu machen.«
    In Saldaña County, wie auch sonst am Rio Grande, war es üblich, mexikanische Bürger massenweise über den Fluß zu schmuggeln, jedem einen kleinen Betrag für eine illegale Stimmabgabe zu zahlen und ihn dann wieder zurückzuschicken. Da die Bevölkerung des Bezirks eher demokratisch wählte, mußten die Republikaner weit mehr illegale Wähler ins Land schmuggeln als die Demokraten, und keiner beherrschte dieses Spiel besser als der ideenreiche Tim Coke.
    »Der Hurensohn hat uns die Brücke voraus«, jammerten die Demokraten. »Er kann seine Wähler herübermarschieren lassen, wie es ihm gefällt. Unsere müssen

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