Texas
um ihnen zu sagen, wie sie zu wählen hatten.
»Hector!« rief der besorgte Vigil seinem wichtigsten Helfer, einem jungen Mann von achtzehn Jahren zu, »du mußt nach Mexiko rüber und mindestens hundert weitere Stimmen beschaffen.«
»Jawohl, Sir!« Er ging zu dem für die Kampagne zuständigen Schatzmeister und ließ sich zwanzig Dollar geben, um seine Wähler, solange sie noch auf der mexikanischen Seite waren, bei Stimmung halten zu können. Er wußte, daß noch mehr Geld auf ihn wartete, wenn es ihm gelang, die Leute herüberschwimmen zu lassen und ins blaue Lager zu bringen. Die Münzen sicher in seinem Gürtel verwahrt, ritt er drei Kilometer nach Westen, durchschwamm mit seinem Pferd den Fluß und schlug einen Haken nach Escandón zurück, wo er eine Gruppe geeigneter Männer auflas, die einen Dollar brauchen konnten.
Dieser junge Mann war Hector Garza, ein Nachkomme jener Garzas, die gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts aus San
Antonio hierhergekommen waren, und ein Enkel des Banditen Benito Garza, der in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Angst und Schrecken unter den Texanern verbreitet hatte. Hector und seine unmittelbaren Vorfahren waren anständige Bürger der Vereinigten Staaten gewesen; er liebte Texas und wünschte seinem Staat eine gute Regierung; aus diesem Grund hatte er sich Horace Vigil angeschlossen.
Wie die große Mehrheit der Hispanos hatte auch er nur eine bruchstückhafte Schulbildung genossen; einerseits weil Texas es nicht für nötig hielt, die Söhne von Hispano-Bauern zu unterrichten, andererseits weil er, wie schon Benito Garza vor ihm, ein Freigeist war, der sich in kein Schulzimmer sperren ließ. Seine eigentliche Lehrzeit war jetzt, unter Vigil; er wußte, daß er, wenn er auch weiter für den Biergroßhändler arbeitete, alles lernen würde, was er über Saldaña County wissen mußte.
Wäre die Wahl von 1908 nach Plan abgelaufen, die Demokraten hätten dank Garzas in letzter Minute herbeigeschafften Wählern mit beruhigender Mehrheit gewonnen; aber ein mexikanischer Ladenbesitzer, der für das Zollamt Spionagedienste leistete, verständigte Tim Coke von dem heimlichen Zustrom blauer Wähler, und Coke rief seine Helfer zusammen: »Holt mir jeden Mexikaner aus Escandón herüber, der noch laufen kann!« Und so geschah es.
Nachdem Vigil davon erfahren hatte, rief er sein Kriegskabinett zusammen: »Es gibt da ein Problem. Coke und seine Yankees wollen uns den Wahlsieg stehlen. Wenn wir gewinnen, gehört der Bezirk für die kommenden fünfzig Jahre uns. Bis zur nächsten Wahl hat Teddy Roosevelt das Weiße Haus verlassen, dann ist mit dem Druck aus Washington Schluß. Es heißt also jetzt die Ärmel aufkrempeln; wenn wir vom Wahlkreis siebenunddreißig ein Verhältnis von fünfhundert zu sieben brauchen, müssen wir es bekommen.«
»Aber der Wahlkreis hat nur hundertneunundsiebzig eingeschriebene Wähler.«
»Am Wahltag werden es mehr sein.«
Doch Vigil wußte, daß er noch ein zusätzliches Wunder brauchte, um die Wahl zu gewinnen. Schon am Tag darauf stellte es sich ein. Gegen Mittag kam ein Mann mit dem Schreckensschrei gelaufen: »Ein totes Mädchen! In den Büschen, am Fluß!« Als städtische Beamte, Republikaner wie Demokraten, hinunterliefen, um Nachschau zu halten, vergaßen die meisten Einwohner von Bravo die Wahl - nicht so Horace Vigil. Er versammelte seine Helfer um sich und fragte: »Wie können wir diese traurige Geschichte zu unserem Vorteil nutzen?«
Man fand einen Weg, und am Morgen vor der Wahl lasen die Bürger von Saldana County die sensationelle Meldung: »TIM COKE, FÜHRENDER REPUBLIKANISCHER POLITIKER, UNTER MORDVERDACHT VERHAFTET!«
Bemüht, Horace Vigils Forderung zu erfüllen, hatten »blaue« Kriminalbeamte Spuren entdeckt - nicht sehr überzeugende Spuren -, die zu Tim Coke führten, worauf die Polizei ihn verhaftete. Der Richter, ein verläßlicher Vigil-Mann, lehnte es ab, ihn auf freiem Fuß zu belassen, und so saß Coke, als die Wahl begann, im Gefängnis.
Die Republikaner taten ihr Bestes, ihren kleinen Vorsprung zu halten. Doch die schreckliche Anschuldigung, ihr Führer habe einen Mord begangen, noch dazu an einem Mädchen, verunsicherte die Wähler, und viele, die die Absicht gehabt hatten, republikanisch zu stimmen, überlegten es sich anders. Noch bevor der Wahlkreis 37 das gewohnte Resultat bekanntgab - 343 zu 14 für die Demokraten -, wußte man bereits, daß die Blauen gewonnen hatten.
Am Mittwoch wurde Coke aus
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