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Tödliches Wasser: Roman (German Edition)

Tödliches Wasser: Roman (German Edition)

Titel: Tödliches Wasser: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Qiu. Xiaolong
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den Tisch und rieb sich nachdenklich das Kinn.
    »Was vermuten Sie, Huang, wo hätte Liu einen Gast empfangen?«
    »Normalerweise im Wohnzimmer. Das ist etwas, worüber auch wir gerätselt haben. Aber Liu könnte ins Büro gegangen sein, um ein Dokument oder etwas anderes zu holen.«
    »In dem Fall hätte er den Raum zuerst betreten, und der Mörder wäre ihm gefolgt …«
    Chen sprach nicht weiter. Offenbar konnte er sich eine Szene, in der der Mörder von hinten auf Liu einschlug, nicht recht vorstellen.
    »Was halten Sie von der Position der übrigen Stühle hier im Büro?«, fragte Chen weiter. Er hatte sich auf dem Drehstuhl hinter dem Schreibtisch niedergelassen. »Sie wurden nicht verrückt, oder?«
    »Nein. Aber ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.«
    »Mir will das einfach nicht einleuchten. Wenn Liu hier gesessen hat, wo ich jetzt sitze, dann hätte der Mörder ihm gegenüber Platz genommen. Wieso stehen die Stühle dann alle an der Wand?«
    »Eine gute Beobachtung«, sagte Huang und begann eifrig in sein Notizbuch zu schreiben.
    »Wenn er aber mit jemand gesprochen hat, der dort stand und vielleicht keine so friedlichen Absichten hegte, sondern sich auf ihn stürzte …«
    »Dann«, Huang nickte verständig, »müssten wir Spuren eines Kampfes sehen.«
    »Genau.«
    »Wie wär’s damit: Liu wollte dem Besucher etwas am Computer zeigen – sagen wir: ein Dokument über Umweltschutzmaßnahmen –, und dieser hätte ihm dabei von hinten auf den Kopf gehauen? Dieses Szenario habe ich mit meinen Kollegen durchgespielt.«
    »Der Bildschirm des Computers ist auf keinem der Fotos vom Tatort angeschaltet.« Chen sah sich die Aufnahmen noch einmal durch. »Also hätte der Schlag in genau dem Moment erfolgen müssen, als Liu den Finger auf den Ausschaltknopf legte.«
    Huang sah, dass der Oberinspektor von dieser Lösung keineswegs überzeugt war. Er selbst war es auch nicht.
    »Da ist was dran. Ich werde es mir notieren«, räumte Huang ein und schlug erneut sein Notizbuch auf.
    »Die Fotos zeigen auf dem Schreibtisch weder ein Glas noch eine Tasse. Ebenso wenig im Wohnzimmer. Auch auf der Laborliste habe ich nichts dergleichen verzeichnet gefunden. Wenn jemand bis spät in die Nacht arbeitet, sollte man doch vermuten, dass er dabei eine Tasse Kaffee oder Tee trinkt.«
    »Das ist wahr.«
    »Im Übrigen scheint mir die angenommene Tatzeit zwischen 21.30 und 22.30 Uhr recht spät für einen Besuch. Eventuell ist der Besucher also früher gekommen, und die beiden haben lange gestritten. Aber wo soll dieser Streit stattgefunden haben? Mit Sicherheit nicht im Büroraum. Doch zurück zu unserer Hypothese, dass sich die beiden vom Wohnzimmer ins Büro begeben haben. Hätte man dem Gast dann nicht im Wohnzimmer eine Tasse Tee angeboten?«
    »Oder zumindest ein Glas Wasser«, pflichtete Huang ihm bei und kratzte sich am Kopf.
    »Jetzt sehen Sie sich mal dieses Regal an. Eine eindrucksvolle Galerie von Pu-er-Teedosen. Durchweg teuerste Sorten aus Yunnan …«
    Chen ließ den Satz unvollendet. Sein Blick war auf einige vergoldete Statuetten gefallen, die in imposanter Reihe auf dem obersten Regalbrett standen. Er nahm eine herunter. Sie stellte einen großen, muskulösen Arbeiter dar, der einen strahlenden Globus hochhielt. Die Figur war auf einen soliden Marmorsockel montiert, der seitlich folgende Inschrift trug: »In Anerkennung für die außergewöhnliche Produktions- und Profitsteigerung des Jahres 1995 in der Wuxi Chemiefabrik Nummer 1. Überreicht durch den Volkskongress der Stadt Wuxi.« Alle Figuren waren gleich, nur die Jahreszahl auf dem Sockel variierte.
    »Eine renommierte Auszeichnung für die Erfolge des Chemiewerks unter Lius Leitung. Und das neun Jahre in Folge.«
    »Puh, die sind ja echt vergoldet«, bemerkte Huang, der ebenfalls eine in der Hand wog. »Ganz schön schwer und mit Sicherheit ziemlich teuer.«
    »Ich mache ein paar Aufnahmen, die ich mir im Erholungsheim in Ruhe ansehen kann.«
    Chen zog die Kamera aus der Tasche, die er immer bei sich trug, und fotografierte nicht weniger als fünfzehn Minuten lang. Dann stellte er die gerahmte Aufnahme von Vater und Sohn auf den Schreibtisch und lichtete auch diese ab. Als er fertig war, warf er einen Blick auf seine Armbanduhr.
    »Übrigens habe ich mich mit Lius Anwalt in Verbindung gesetzt. Den Kontakt haben Bekannte von mir in Shanghai hergestellt«, fügte Chen hinzu, als habe er Huangs Gedanken gelesen. »Aber es kam nicht viel dabei heraus. Die

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