Ueber Deutschland
erregte vor einigen Jahrhunderten allgemeines Entsetzen; die heiligsten Bande zerrissen, sobald der unselige Nahme ausgesprochen war; der Muth verstummte und sank, und die Angst, die das Gemüth ergriff, war so stark, daß man hätte glauben sollen, die bösen Geister erschienen wirklich aus der tiefsten Hölle, wenn es hieß: sie sind da!
Der unglückliche Schwärmer, Johanna's Vater, wird von dem Wahne seiner Zeit ergriffen; weit entfernt, stolz über die Ehre zu seyn, die seiner Tochter zu Theil wird, steht er mitten unter den Rittern und Großen des Hofes auf, und klagt Johanna von Arc der Zauberei an. In einem Nu erstarren alle Anwesende; vergebens fordern der Jungfrau Waffenbrüder, sie auf, sich zu reinigen, sie schweigt; vergebens befrägt sie der König selbst, sie schweigt; vergebens beschwört sie der Erzbischof, ihre Unschuld durch einen Eid auf das Crucifix zu erhärten, sie schweigt. Sie will sich über das Verbrechen, das sie nicht beging, auch nicht rechtfertigen, da sie sich im Herzen eines andern Verbrechens schuldig fühlt, das sie sich nicht verzeihen darf. Der Donner rollt, Entsetzen ergreift das Volk; die Jungfrau wird aus eben dem Reiche verbannt, das sie vom Verderben rettete. Niemand wagt's, sich ihr zu nahen; der Haufe zerstreut sich; die Unglückliche verläßt die Stadt, irrt auf dem Felde umher, und im Augenblick, wo im Uebermaß der Ermattung, sie einen kühlen Trunk begehrt und empfängt, schlägt ihr ein Knabe, der sie erkennt, das Labsal aus den Händen. Man sollte sagen, der höllische Hauch, womit man sie umgeben glaubt, könne alles beflecken, was sie umgiebt, und jeden, der ihr zu Hülfe kommt, in den ewigen Pfuhl hinabstürzen. Endlich, von einem Zufluchtsort zum andern verfolgt und vertrieben, fällt die Retterin Frankreichs ihren Feindin in die Hände.
Bis dahin ist diese romantische Tragödie, so nennt sie Schiller, voller Schönheiten des ersten Rangs; man stößt wohl hin und wieder auf langgedehnte Stellen (kein teutscher Schriftsteller ist dieses Vorwurfs frei); aber man sieht so merkwürdige Begebenheiten an sich vorüberziehen, daß die Einbildungskraft sich ihnen anschließt, daß man aufhört, das Stück als ein Kunstwerk zu betrachten, und das hier aufgestellte bewundernswürdige Gemählde als einen frühern Abglanz der heiligen Begeisterung der Heldenzeit anstaunt. Der einzige bedeutende Fehler, den man diesem lyrischen Drama vorwerfen kann, ist die Entwickelung. Anstatt der Geschichte treu zu bleiben, dichtet Schiller, daß die Jungfrau, von den Engländern in Ketten geschlagen, ihre Fesseln zerbricht, ins französische Lager zurückeilt, den Sieg für ihre Landesleute. entscheidet, aber selbst tödtlich verwundet wird. Das Wunderbare der Dichtung neben dem Wunderbaren der Geschichte, benimmt dieser Tragödie etwas von ihrer ernsten Würde. Und überdies, konnte wohl etwas schöner seyn, als das Benehmen und die Antworten der Johanna vor ihren Richtern, als sie von den englischen Großen und den normännischen Bischöfen zum Scheiterhaufen verdammt wurde?
Die Geschichte erzählt, das junge Mädchen habe mit der rührendsten Sanftmuth den unerschütterlichsten Muth verbunden; sie habe geweint wie ein Weib und gehandelt wie ein Held. Man beschuldigte sie, sich abergläubischer Kunstgriffe bedient zu haben; aber sie stieß diese Beschuldigung mit Gründen von sich, die die aufgeklärteste Vernunft unserer Zeit würde aufbringen können, und beharrte fest bei der Erklärung, sie habe innere Offenbarungen gehabt, die sie bestimmt hätten, sich ihrem außerordentlichen Berufe zu widmen. Im Angesichte des Scheiterhaufens, den sie besteigen soll, von den Todesschrecken übermannt, die sie bedrohten, von den Ihrigen verlassen, wankte sie nicht im Preise ihres kräftigen Volks, ihres edeln Königs. Ihr Tod ist weder der Tod eines Kriegers noch der eines Märtyrers; gleichwohl zeigte sie bei aller Sanftmuth und Schüchternheit ihres Geschlechts, in ihren letzten Augenblicken eine bewundernswürdige Kraft der Begeisterung, fast der Zauberkraft gleich, deren man sie beschuldigte.
Wahr ist es, die einfache Erzählung ihres Todes rührt mehr, als Schillers künstliche Dichtung. Sobald die Poesie den Glanz einer historischen Person erhöhen will, muß sie wenigstens darauf bedacht seyn, ihr die charakteristischen Züge zu lassen; denn die Größe ist nur dann von Wirkung, wenn sie die Spuren der Natürlichkeit mit sich führt! In der Jungfrau von Orleans enthält die
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