Und taeglich grueßt die Evolution
abspielte.
Diese Einsicht rief zahlreiche neue Verhaltensweisen auf den Plan. Beispielsweise begann man, die Toten zu bestatten. Rund 100 000 Jahre alt ist das älteste Grab, welches Archäologen bislang entdeckten. Das Wissen um die Zukunft gestaltete das menschliche Leben in vielen Bereichen neu. Einige Kulturen begannen Getreide und Gemüse zu kultivieren und Tiere zu domestizieren. Es wurden Vorratsspeicher angelegt und Siedlungen gegründet. Aber auch in anderen Bereichen hatte die Bewusstwerdung der Zeitdimension große Auswirkungen auf menschliche Verhaltensweisen, die wiederum mit der eigenen bewusst erlebten und konstruierten Identität zusammenhingen. Die eigene Existenz wurde in vielfältigen externen Speichermedien dargestellt und thematisiert. Vor 40 000 Jahren begann man damit, Bilder und Symbole auf Felsen zu malen oder in Steine zu ritzen. Vor etwa 5 000 Jahren entstand die geschriebene Sprache, vor 500 Jahren der Buchdruck. Seit der Antike pflegen die Menschen Bibliotheken, Museen und Archive, um gemeinsames Wissen aufzubewahren und die Vergangenheit in Bild, Ton und Text zu dokumentieren und festzuhalten.
Spieglein, Spieglein an der Wand
Auch in der Kindheit entwickelt sich das selbstreflexive Bewusstsein stufenweise. Wie aber lässt sich Selbsterkennung zuverlässig diagnostizieren? Eine Möglichkeit ist es, Kinder vor den Spiegel zu setzen und zu beobachten, wie sie sich ihrem Spiegelbild gegenüber verhalten. Vor dem Alter von 18 Monaten reagiert ein Kind zwar auch auf das Spiegelbild, bemerkt aber noch nicht, dass es seinen eigenen Körper sieht. Psychologen überprüfen die Anwesenheit eines bewussten Ichs mit dem sogenannten Rougetest: Unbemerkt vom Kind bringt man einen roten Farbklecks auf der Nase des Kindes an. Dann wird es mit seinem Spiegelbild konfrontiert, um zu sehen, ob es den »fremden« Klecks in seinem Gesicht bemerkt.
Mit etwa zwei Jahren fassen die meisten Kinder erstaunt an ihre Nase, rubbeln daran oder sprechen mit Bezugspersonen über die entdeckte Bemalung. Im selben Alter treten auch Gefühle wie Scham, Schuld oder Verlegenheit zum ersten Mal auf. Dies legt die Vermutung nahe, dass das Selbstbewusstsein von Anfang an eine soziale Komponente hat: Sobald man sein Ich erkennt, bemerkt man auch das Du der anderen Menschen. Über den Grad der Reflektiertheit des jungen Selbst sagt der Rougetest allerdings wenig aus. Ein vertieftes Gefühl für die eigene Existenz in Raum und Zeit erlangen Kinder nämlich nicht vor dem Alter von vier bis sechs Jahren.
Selbstbewusstsein bei Delphinen und Menschenaffen
Das Bewusstsein besteht also aus verschiedenen Komponenten und Ebenen unterschiedlicher Reflexionsgrade, die sich im Lauf der Evolution nach und nach entwickelt haben. Die Vermutung liegt darum nahe, dass einzelne Aspekte auch bei anderen Spezies vorkommen. Tiere sind keineswegs, wie Descartes noch meinte, vorprogrammierte Biomaschinen. Gewiss erleben auch viele Tiere ihre Körperempfindungen bewusst. Die Frage ist aber, inwiefern sie ihr eigenes Verhalten bewusst reflektieren können. Viele Hunde können sich sehr wohl daran erinnern, wo sie einen Knochen im Garten vergraben haben. Aber weiß ein Hund auch, dass er selbst es war, der den Knochen an der Stelle versteckt hat?
Es gibt verschiedene Tests, um Selbsterkenntnis bei Tieren nachzuweisen. Einer davon ist der anfangs beschriebene Rougetest. Allerdings kann man einen Schimpansen nicht einfach vor einen Spiegel setzen. Menschenaffen müssen zuerst lernen, wie ein Spiegel funktioniert. Sehen sie zum ersten Mal ihr Spiegelbild, zeigen sie oft aggressives Verhalten, weil sie es für einen Artgenossen halten. Haben sie aber erst einmal begriffen, dass ein Spiegel Abbilder erzeugt, benützen sie ihn in einer selbstbezogenen Weise: Sie betrachten Körperstellen, die sie sonst nicht sehen können, entfernen Futterreste aus den Zahnzwischenräumen oder bearbeiten Kratzer und Schürfungen. Ist die Funktionsweise des Spiegels gelernt, kann der Rougetest durchgeführt werden.
Tatsächlich bemerkten die getesteten Schimpansen und Orang-Utans die Flecken im eigenen Gesicht. Bei den Gorillas war das Resultat weniger eindeutig, nur einzelne Individuen bestanden den Test. Mit derselben Methode wurde auch bei Delphinen Selbsterkenntnis nachgewiesen: Die mit einem weißen Klecks auf dem Rücken präparierten Meeressäuger versuchten beim Schwimmen ihren Körper gegen den Spiegel zu drehen, um den Farbtupfer zu studieren. Niedere Affen
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