Wallander 02 - Hunde von Riga
eigentlich über die lettische Polizei? Gab es Grenzen dafür, was in einer Diktatur erlaubt war? War Lettland überhaupt eine Diktatur?
Baiba Liepas Gesichtsausdruck fiel ihm wieder ein. Angst, Trotz und Haß.
Wenn jemand anruft und nach Herrn Eckers fragt, müssen Sie kommen.
Murniers Lächeln schien zu sagen, daß er die Gedanken eines schwedischen Polizisten lesen konnte.
Wallander versuchte, sein Geheimnis durch eine Unwahrheit zu schützen. »Major Liepa brachte zum Ausdruck, daß er um seine eigene Sicherheit besorgt sei«, behauptete er. »Aber er nannte mir keine Gründe für seine Besorgnis. Das ist eine der Fragen, auf die Oberst Putnis eine Antwort bekommen sollte, falls wirklich ein direkter Zusammenhang zwischen den Leichen im Boot und dem Mord an Major Liepa besteht.«
Wallander meinte, in Murniers Gesicht eine fast unmerkliche Veränderung feststellen zu können. Er hatte also etwas |130| Unerwartetes gesagt. Kam sein Wissen unerwartet? Oder hatte Major Liepa sich tatsächlich Sorgen gemacht, und Murniers hatte davon gewußt?
»Sie müssen sich die entscheidenden Fragen doch auch schon gestellt haben«, fuhr er fort. »Was kann Major Liepa mitten in der Nacht hinausgelockt haben? Wer kann einen Grund gehabt haben, ihn umzubringen? Selbst wenn ein umstrittener Politiker ermordet wird, muß man sich fragen, ob es ein privates Motiv gegeben haben kann. So war es, als Kennedy ermordet wurde, und so war es, als der schwedische Premierminister vor ein paar Jahren auf offener Straße erschossen wurde. Über all das müssen Sie nachgedacht haben, nicht wahr? Sie müssen zu dem Ergebnis gekommen sein, daß es kein einleuchtendes privates Motiv gibt. Sonst hätten Sie mich nicht hergebeten.«
»Das ist korrekt«, antwortete Murniers. »Sie sind ein erfahrener Polizist, und Sie haben die richtigen Schlußfolgerungen gezogen. Major Liepa war glücklich verheiratet. Er war in keine krummen Geschäfte verwickelt. Er spielte nicht, er hatte keine Geliebte. Er war ein pflichtbewußter Polizist, der glaubte, durch seine Arbeit seinem Land dienen zu können. Wir sind ebenfalls der Ansicht, daß sein Tod in direkter Verbindung mit seinem Beruf stehen muß. In letzter Zeit konzentrierten sich seine Ermittlungen ausschließlich auf die Toten im Boot, deshalb haben wir um Hilfe aus Schweden gebeten. Vielleicht hat er Ihnen etwas erzählt, was er in dem Bericht an seinem Todestag nicht erwähnte? Das müssen wir herausfinden und hoffen, daß Sie uns helfen können.«
»Major Liepa sprach von Rauschgift, als er in Schweden war«, sagte Wallander. »Er sprach über die steigende Zahl von Amphetaminfabriken in Osteuropa. Er war davon überzeugt, daß die Männer einer internen Auseinandersetzung innerhalb eines Syndikats zum Opfer gefallen sind, das Rauschgiftschmuggel betreibt. Er fragte sich, ob die Männer aus Rache getötet wurden oder weil sie sich weigerten, etwas zu verraten. |131| Außerdem gab es Grund zu der Annahme, daß in dem Rettungsboot selbst Rauschgift verborgen war, weil es aus unserem Polizeipräsidium gestohlen wurde. Aber wir haben nicht herausbekommen, wie diese Anhaltspunkte sich miteinander verknüpfen lassen.«
»Ich hoffe, daß Oberst Putnis darauf eine Antwort bekommen wird«, sagte Murniers. »Er ist ein äußerst geschickter Vernehmungsleiter. Ich habe mir überlegt, Ihnen in der Zwischenzeit die Stelle zu zeigen, an der Major Liepa ermordet wurde. Oberst Putnis nimmt sich für seine Verhöre viel Zeit, wenn es nötig ist.«
»Ist der Fundort mit dem Tatort identisch?«
»Es spricht nichts dagegen. Der Platz ist abgelegen, und nachts halten sich nur sehr wenige Menschen im Hafengebiet auf.«
Da stimmt doch was nicht, dachte Wallander. Der Major hätte sich gewehrt. Es kann nicht leicht gewesen sein, ihn mitten in der Nacht auf den Kai hinauszuschleppen. Es reicht nicht, daß die Stelle abgelegen ist.
»Ich würde gern Major Liepas Witwe treffen«, sagte er. »Möglicherweise kann ein Gespräch mit ihr auch für mich wichtig sein. Ich nehme an, daß Sie bereits mehrfach mit ihr gesprochen haben?«
»Wir haben sehr eingehende Verhöre mit Baiba Liepa geführt«, erwiderte Murniers. »Wir werden natürlich veranlassen, daß Sie Frau Liepa treffen können.«
Durch den grauen Wintermorgen fuhren sie am Fluß entlang. Sergeant Zids sollte Baiba Liepa aufsuchen, während Wallander und Oberst Murniers zu dem Fundort der Leiche hinausfuhren, den Murniers auch für den Tatort hielt.
»Was ist
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