Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Unterdorf, noch weiß man, wo das »rote Haus«
gestanden und wo der älteste Bruder, auf den Tod
getroffen, zusammensank. Aber sonst schweigt an
dieser Stelle alles, mit Ausnahme der alten Ulmenal-
lee, die die Barfuse gepflanzt, und der alten Kirche,
die sie gebaut haben.
Diese Kirche gehört jenen einfach malerischen Feld-
steinbauten an, denen man, aus dem vierzehnten
und fünfzehnten Jahrhundert her, so häufig in unsern
Marken begegnet. Ein Christuskopf auf dem
1450
Schweißtuch der heiligen Veronika stammt vielleicht
noch aus jener Zeit der »vier Brüder«, aber niemand
weiß es zu sagen. Im Jahr 1821 war noch ein Bar-
fussches Wappenfenster da. Protestantisches »Licht-
bedürfnis« hat indessen längst das bunte Glas besei-
tigt und eine »helle Scheibe« an die Stelle der bun-
ten gesetzt. Nichts mehr mahnt an die Barfuse hier
als der Estrich über ihrer Gruft, der, immer tiefer
einsinkend, zugleich von den unten stehenden drei
Särgen erzählt: von dem Sarge Valentins, »der beim
Pommernherzog das Zechen gelernt«, von Richard,
der hinter dem »roten Hause« zusammensank, und
von Nikolaus, der den Teufel-Spielmann rief, um ihm
dann schließlich zu verfallen.
Von den Prädikowschen Barfusen aber wenden wir
uns nunmehr einem berühmteren Zweige der Familie
zu: den Barfusen von Möglin . Unter ihnen vor allem dem berühmtesten des Geschlechts überhaupt, dem
Feldmarschall und Türkenbesieger Hans Albrecht von
Barfus.
1. Eine ähnliche Sage, darin der Teufel nicht als
Spielmann, sondern als Tänzer auftritt, findet
sich im Eiderstedtschen (Schleswig). Es war
eine große Hochzeit auf Hoyersworth und un-
ter den Gästen auch eine hübsche Dirne, die
flinkste Tänzerin weit herum. Auch an jenem
Abend tanzte sie schon seit Stunden unauf-
hörlich und sagte zuletzt übermütig: » Und
wenn der Teufel selbst käme, ich tanzte mit
1451
ihm .« Kaum waren ihr diese Worte entfahren,
so trat der Angerufene in den Saal, schritt auf
das Mädchen zu und forderte sie zum Tanz.
Und wie ein Wirbelwind drehten sich die bei-
den. Sie tanzten zuletzt nur noch allein, und
die übrigen Gäste sahen dem rasenden Tanze
voll Erstaunen zu. Endlich schwieg auch die
Musik, aber das Paar tanzte noch immerfort,
bis der Dirne plötzlich das Blut aus dem Mun-
de stürzte und sie tot zusammenbrach. Sofort
war der Tänzer verschwunden. Doch die Blut-
flecken waren nicht zu vertilgen, und das
Mädchen fand keine Ruh. Um Mitternacht
schlüpft sie von ihrem Grabe her in den Tanz-
saal, und die höllische Musik bricht los, und
sie dreht sich wieder im sausenden Walzer.
Hans Albrecht von Barfus
Der jetzt alles vermag und kann,
War erst nur ein schlichter Edelmann,
Und weil er der Kriegsgöttin sich vertraut,
Hat er sich diese Größ' erbaut.
Schiller
1452
Hans Albrecht von Barfus ward inmitten der Drang-
sale des Dreißigjährigen Krieges 1635 zu Möglin ge-
boren, und diese Drangsale waren es auch wohl, die
seiner Erziehung und Bildung ein fast allzu geringes
Maß gaben. Das Militärische trat von Anfang an in
den Vordergrund und wurde Schule fürs Leben und
Staffel zum Glück.
Hans Albrecht trat früh in Dienst. Es war die Zeit, wo
die Söhne des Adels anfingen, den Krieg, aus eige-
nem Drang heraus, als Metier zu betreiben. Die Höfe lagen wüst, die Zeiten waren unsicher. Zudem entstanden eben damals die stehenden Armeen und
brauchten Offiziere. Hans Albrecht diente »von der
Pike auf«, ein Umstand, dessen er sich in seinen
Feldmarschallstagen gern zu rühmen pflegte.
Seine ersten Feldzüge machte er unter Sparr, Derff-
linger und Görtzke. Er focht mit in Polen, in
Pommern, in Preußen und am Rhein. Bei Fehrbellin
war er höchstwahrscheinlich nicht, da er beim Fuß-
volk stand, das brandenburgischerseits in dieser Rei-
terschlacht fast gar nicht zur Verwendung kam. Auch
Schöning, aus gleichem Grunde, fehlte bei Fehrbellin.
Im übrigen begann schon damals die Differenz zwi-
schen beiden, auch in ihrer äußeren Stellung, her-
vorzutreten. Es durfte nicht wundernehmen. Schö-
ning war der Ausnahme-, Barfus der Durchschnitts-
mensch, und wenn jener den Mann der »großen Car-
rière« repräsentierte, so repräsentierte dieser den
Mann der Anciennität und Subalternität. Freilich war
er seinerseits wieder ein subalternes Genie und ge-hörte jener Klasse von Leuten an, die eine mäßige
1453
Begabung glücklich und segensreich für sich
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