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Winter in Prag: Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg (German Edition)

Winter in Prag: Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg (German Edition)

Titel: Winter in Prag: Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Madeleine K. Albright
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Unterdessen war Gottwald in Prag und sprach zu Tausenden begeisterten, erwartungsvollen, die »Internationale« singenden Vertretern der Arbeiterklasse. Im ganzen Land verteilten Parteifunktionäre an ihre Milizen Waffen und mobilisierten Agenten in den Sicherheitskräften, damit sie ihre Rivalen, wo immer sie konnten, einschüchterten, in Gewahrsam nahmen, verhafteten oder verprügelten. Rundfunkstationen und Zeitungen riefen die kleinen Leute auf, sich hinter Gottwald und seinen Ruf nach einer neuen Regierung zu stellen. Arbeiter wurden angewiesen, mit der Vertreibung von Nichtparteimitgliedern aus ihren Fabriken zu beginnen. Tausende von Telegrammen wurden an Beneš geschickt, die ihn nachdrücklich aufforderten, den Rücktritt der Minister zu akzeptieren, sonst bestehe die Gefahr eines Bürgerkriegs. Das ganze Wochenende über stand Gottwald in Kontakt mit seinen Agenten im Innen-, Verteidigungs- und anderen Ministerien. Er hatte auch eine direkte Leitung zur sowjetischen Botschaft geschaltet. Ganz plötzlich war der stellvertretende sowjetische Außenminister im Land aufgetaucht. Als Masaryk ihn fragte, warum er gekommen sei, erwiderte Herr Sorin: »Um die Lieferung von Weizen zu überwachen.«
    Am Montagnachmittag traf sich Beneš mit Ripka und drei hohen Kollegen: Drtina, Stránský und Zenkl – zum ersten Mal seit ihrem Rücktritt. Die Männer kannten sich schon seit Jahrzehnten; Zenkl hatte die Kriegsjahre als Gefangener in Buchenwald verbracht, aber die Übrigen waren bei Beneš in London gewesen. Sie waren die Verbündeten des Präsidenten und, bis zu dem Grad, wie er es zuließ, seine Freunde. Aber in diesem historischen Augenblick kommunizierten sie nicht sehr gut miteinander. Beneš versicherte den Ministern, dass er weder ihren Rücktritt akzeptieren, noch ohne ihre Zustimmung eine Liste von Nachfolgern ernennen werde. Darüber hinaus konnte er ihnen allerdings nichts anbieten. Er hatte Gottwald gedrängt, eine Verhandlungslösung anzustreben, aber die Kommunisten wollten nicht verhandeln. Sie bestanden vielmehr darauf, dass die zurückgetretenen Minister Verräter seien. »Und wie
haben Sie darauf reagiert?«, wollten die vier Demokraten wissen. Beneš erwiderte: »Ich habe überhaupt nicht reagiert; es ist Ihre Sache, sich selbst zu verteidigen. Was mich betrifft, so muss ich über dem Kampf, über den Parteien stehen.« 48
    Am selben Abend organisierten Zehntausende Studenten einen Marsch zur Unterstützung der Demokratie. Unter Gesängen und Parolen zogen sie wie eine Schlange durch die kurvenreichen Straßen zur Burg. Der Präsident empfing sie und versprach, dem Geist Tomáš G. Masaryks treu zu bleiben. Es war ein bewegender Augenblick, aber auch die einzige öffentliche Demonstration im Namen der liberalen Regierung während der gesamten Krise. Ripka und seine Mitarbeiter waren überzeugt, dass sie die Verfassung und die Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite hätten; sie hatten allerdings keine Strategie, wie sie das beweisen sollten.
    Der 25. Februar 1948 war der Tag, an dem Recht und Ordnung auf den Straßen Prags abgeschafft wurden. Demokratische Führer wurden auf dem Weg zur Arbeit daran gehindert, ihre Büroräume zu betreten; bei manchen wurde das Haus durchsucht, oder sie wurden in Handschellen direkt ins Gefängnis gebracht. Die letzten unabhängigen Zeitungen und Rundfunksender wurden übernommen, demoliert oder geschlossen. Fierlinger übernahm, in Begleitung von Polizisten und bewaffneten Schlägern, wiederum die Kontrolle über die Partei, die ihn fallen gelassen hatte. Die kommunistischen Gewerkschaften riefen zu einem landesweiten einstündigen Streik auf. Arbeiter, die sich nicht daran beteiligten, wurden kurzerhand entlassen. Überall lautete die Forderung: weg mit der alten Regierung, her mit der neuen. Gottwald traf sich noch einmal mit Beneš und wurde von dem Präsidenten einmal mehr gedrängt, mit den Demokraten zu verhandeln; der kommunistische Parteichef lehnte ab.
    Inzwischen hatte Gottwald einen Vorschlag für ein neues Kabinett zusammengestellt, dem Kommunisten und einige Alibivertreter der demokratischen Parteien angehörten. Um elf Uhr legte er die Kandidatenliste Beneš vor, mit der Aufforderung, sie sofort zu akzeptieren. Laut Eduard Táborský, der im selben Raum war, wedelte Gottwald auch mit einer zweiten Liste: Anhänger der Demokraten, die für eine Verhaftung und mögliche Hinrichtung auserwählt
waren, falls der Präsident sich weigerte zu unterschreiben.

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