Wintermaerchen
Binky danach als ein »grandioses Frühstück mit anschließender Sammlung von Wahlkampfspenden in Anwesenheit einer in luxuriöse Pelze gekleideten Anhängerschaft« bezeichnet haben würde.
Praeger war also mutterseelenallein. Unbeeindruckt davon hielt er eine feine Rede, an der nicht nur die rollende, wohlklingende Stimme des Vortragenden beeindruckte, sondern die zugleich eine brillante politische Analyse darstellte. Es war jene Rede, in der Praegers Qualitäten als Fachmann, Staatsmann und Zeitgeschichtler am besten zur Geltung kamen. Jeder, der sie gehört hätte, wäre danach überzeugt gewesen, dass dieser Praeger de Pinto nach seiner Wahl zum Bürgermeister die Geschäfte der Stadt sachkundig, menschenfreundlich, umsichtig und verantwortungsvoll wie ein guter Steuermann in die Hand genommen hätte. Die Bankiers und Immobilienbonzen hätten besonderen Gefallen daran gefunden. Aus Praegers Worten sprach nämlich die schöne Verheißung von Stabilität ohne hinderlichen Ballast. Endlich eine gelungene Synthese! Nicht ein einziges Mal fielen Worte wie Winter oder Armageddon. An jenem kalten, sonnigen Morgen flossen Praegers Können und sein gesunder Menschenverstand zu einem unwiderstehlichen Appell zusammen, der auch in formaler Hinsicht makellos war.
Wie ein Schock durchfuhr es den Kandidaten, als nach Beendigung der Rede doch jemand applaudierte. Nicht weit entfernt stand ein Mann mit schon stark gelichtetem Haar und einem altmodischen Schnurrbart im Schnee. Er sah aus wie ein Meister in einer Maschinenschlosserei, und genau das war er auch. Praeger vermutete, der Mann sei gekommen, um seinen Hund im Park spazieren zu führen.
»Ich habe keinen Hund«, sagte Peter Lake. »Und wenn ich einen hätte, würde ich ihm an einem so kalten Tag den weiten Weg bis hierher nicht zumuten. Ich bin gekommen, um Sie zu sehen.«
»Tatsächlich?«, fragte Praeger erstaunt.
»Ja. Sie haben eine gute Rede gehalten, soweit ich das beurteilen kann. Mir hat gefallen, was Sie bei anderen Gelegenheiten über den Winter gesagt haben. Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen glauben soll oder nicht, aber es scheint nicht so wichtig zu sein, ob Sie es damit ernst meinen, falls Sie verstehen, was ich damit sagen will. Ist Musik wahr? Man kann von ihr weder das eine noch das andere sagen, aber trotzdem glauben wir an sie. Bei mir ist es jedenfalls so, oder es war so, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wann es so war. Seit einiger Zeit bin ich wieder klarer im Kopf. Ich erinnere mich an gewisse Dinge, beispielsweise an bestimmte Tonfolgen auf dem Klavier. Aber ich entsinne mich nicht, wo ich sie gehört habe. Wissen Sie, was ich meine?«
»Nein, keine Ahnung.«
»Es ist, als kämen sie aus der Vergangenheit«, fuhr Peter fort, »als wäre die Vergangenheit ein Licht, das in der Dunkelheit aufleuchtet. Ich fühle es ganz stark, aber ich kann es nicht sehen, mein Gedächtnis versagt. Jemand spielt auf einem Klavier, das ist sicher. Ich freue mich, dass ich Sie ganz allein erwischt habe, Sir. Sehen Sie, was ich zu sagen versuche, ist sehr schwierig. Aber seit ungefähr einer Woche klärt sich alles rasch auf, und ich frage mich, ob Sie vielleicht … Nun, lassen Sie mich geradeheraus fragen: Sind Sie einer von uns? Ich meine, sind wir vom selben Schlag?«
»Ein Freimaurer?«, fragte Praeger verwundert. »Ich bin kein Freimaurer, falls Sie das meinen.«
»Nein, nein, das meine ich ganz und gar nicht«, sagte Peter Lake und nahm einen neuen Anlauf. »Es ist viel persönlicher und wichtiger.«
»Glauben Sie etwa, ich sei schwul? Das bin ich beileibe nicht!«
»Nein, Sir, Ihre Veranlagung interessiert mich nicht.«
»Was dann?«
»Woher kommen Sie?«, fragte Peter Lake.
»Ich wurde in Brooklyn geboren.«
»In welchem Zeitalter?«
»In dieser Zeit.«
»Sind Sie sicher? Wissen Sie, in meinem Fall ist es nämlich nicht so. Und die Art und Weise, wie Sie über den Winter reden, ließ mich glauben, dass auch Sie aus einer anderen Zeit stammen. So wie Sie die Zukunft beschreiben, war nämlich einst die Vergangenheit. Ich muss es ja wissen, denn ich bin dort gewesen.«
»Ich …«
Peter Lake hob die Hand. »Keine Sorge«, sagte er. »Es ist alles in Ordnung. Ich werde mit Sicherheit für Sie stimmen, obwohl ich vielleicht nicht einmal in der Wählerkartei bin. Ich werde mich in die Wahllisten von Five Points eintragen lassen, jawohl, und ich werde ein Dutzend Stimmen für Sie abgeben. Ich bin Ihnen sehr dankbar, denn nachdem Sie
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