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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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dem Ausleger der Katerina befestigt war. Oder sie segelten einfach in die Unendlichkeit hinein. Glücklich und zufrieden reisten sie Hunderte von Meilen in dieser verführerischen Welt aus Eis und Sonne, die ihnen allein gehörte. Gewöhnlich machten sie sich erst am darauffolgenden Tag nach Einbruch der Dunkelheit auf den Heimweg, nachdem sie eine Nacht auf dem See verbracht hatten, eingehüllt in die weichsten Quilts und Decken. Ziellos drifteten sie auf der Rückfahrt über das Eis, in dem sich der Sternenhimmel spiegelte. Die Milchstraße strahlte so hell herab, dass Mrs Gamely sie davor warnte, sie zu lange anzustarren. »Daythril Moobcots Großvater, der alte Barrow Moobcot, wurde davon blind«, behauptete sie. »Heute abend, wenn der Mond aufgeht, müssen wir uns rauchgeschwärzte Brillen aufsetzen.«
    Sie gaben sich den Sternen hin, wie sich Schwimmer den Wellen überlassen, und die Sterne nahmen sie widerstandslos an. Die Tage und die Nächte, die sie auf dem Eis verbrachten, prägten die Kinder für alle Zeit. Wenn die kleine Stadt am Coheeries-See als Lichterkette über dem Horizont auftauchte, eingebettet in weiße, bis zum Ufer herabreichende Hügel, dann lenkte Hardesty die Katerina dem hellsten jener Lichter entgegen und brauste in voller Fahrt darauf zu. Einerseits mochten es die Kinder, dass es so rasend schnell heimwärts ging, aber andererseits wären sie auch gern für immer auf dem See geblieben.
    Während die Zeit vorwärtsrollte und goldene Tage mit silbernen Nächten zu einem Zopf flocht, vergnügten sie sich auf Skiern oder mit Schlitten in den hügeligen Kiefern- und Fichtenwäldern; sie fuhren hinüber zum Gasthaus, um den Grapesy Dandy und den Birdwalla Shuffle zu tanzen, sie kochten den traditionellen Coheeries-Ahorncandy in Form einer Mondsichel, und sie saßen stundenlang am Ofen, in dem ein Holzfeuer prasselte, während draußen am Himmel der echte Mond, die Planeten und die Sterne den Lauf der Zeiten bestimmten.
    Eines Abends wurde es ungewöhnlich kalt. Ein arktischer Wind brauste von Norden herab, und der Frost umklammerte das Dorf wie eine Zange. Die Welt draußen duckte sich unter einer Temperatur von fünfzig Grad unter null, und das Gebälk von Mrs Gamelys Haus knackte wie bei einem Schiff auf hoher See. Alle Ritzen und Fugen waren sorgsam abgedichtet, aber es genügte auch schon ein stecknadelgroßes Loch, um ein ganzes Zimmer mit kalter Luft zu füllen. Sie schürten das Feuer im Ofen so sehr, dass es bullerte wie in der Brennkammer einer mit Volldampf dahindonnernden Lokomotive.
    Abby und Martin bauten ein Haus aus getrockneten Maiskolben. In Hausmäntel gekleidet und mit wattierten Stiefeln an den Füßen hockten sie auf dem Fußboden zwischen dem Kamin und dem Ofen. Mrs Gamely saß in ihrem Schaukelstuhl, schaukelte vor und zurück und beobachtete ihre Enkelkinder. Virginia hatte sich in eine Stola gewickelt und schmökerte in einer alten Ausgabe der Encyclopedia Britannica aus dem Jahre 1978. Hardesty stand am Fenster – nicht zuletzt, weil sich dort das Thermometer befand. Dass es noch immer stetig fiel und schon weit unter fünfzig Grad stand, stellte für einen Menschen seines Temperaments eine unwiderstehliche Attraktion dar. Vor allem aber lehnte er am Fenster, um die Sterne zu betrachten. Weitab von den Lichtern der Stadt brannten sie wie weißer Phosphor in der Kälte.
    In jener Nacht herrschte zwischen den Gestirnen rege Bewegung. Das Kommen und Gehen erweckte den Eindruck, als wäre der Raum zwischen den Sternen und der Erde ein geschäftiger, von schnellen Booten überfüllter Hafen. Leuchtende Bahnen, die von Meteoriten stammen konnten, verblassten mit einem sanften, weißen Rieseln, wie der sich gemächlich herabsenkende Schweif aus Eispartikeln, die von der Bremse eines Eisseglers aufgewirbelt werden. Diese kleinen Schauer aus Licht erblühten, um gleich darauf zu vergehen. Hardesty musste daran denken, wie sich der weiße Hengst von ihnen in der Ebene getrennt hatte. Er war in einer nadelscharfen Kurve aus weißem Licht, das sich mit einem leisen Zischen auflöste, in die leichte Dämmerung des frühen Abends aufgestiegen.
    Hardesty öffnete schon den Mund, um Virginia zu sich zu rufen, damit sie die kleinen Leuchtfeuer über dem Horizont nicht verpasste. Sie waren anders als alles, was er je gesehen hatte, die Flugbahn des weißen Hengstes ausgenommen. Aber als er sich umdrehte, sah er, dass sich Virginia und Mrs Gamely über Abby beugten. Sie lag auf dem

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