Zigeunerstern: Roman (German Edition)
aber du bindest ein Stückchen von einem Maiskolben an eine Schnur und lässt das so in den Hühnerhof hineinbaumeln, dass das Hühnchen es runterschlucken kann. Und dann, ein Ruck, und du hast es.«
»Aber macht ihr denn so was noch immer?«
»Oooch ja, doch ja, und 'ne Menge andrer Sachen.«
»Erzähl ihm doch mal, wie man die balo muss drabenen, Hojok!«
Verwirrtes Blinzeln, dann ein Lächeln. »Waaas ist denn das?«
»Ach, das bedeutet, wie man ein Schwein vergiftet. Du tränkst einen Schwamm mit ausgelassenem Fett und dann gibst du das dem Schwein eines Bauern zu fressen. Das Fett schmilzt, der Schwamm quillt auf, das Schwein stirbt an einem Darmverschluss. Dann gehst du wieder zu dem Bauern. Willst du uns vielleicht diese tote Sau da geben? Wir könnten sie an unsere Hunde verfüttern. Dummer Bauer weiß nicht, warum seine Sau tot, traut sich nicht, Fleisch zu verwenden. Also gibt er uns. Und wir haben feinen Schweinebraten für ein Fest!«
»Und so macht ihr das?«
»Oh, wir stehlen auch kleine Kinder. Und die ziehen wir dann als Zigeuner auf.«
»Ich glaub, ihr macht euch bloß über mich lustig.«
»Aber nicht doch, Herr, nein, niemals! Sind echte Wahrheit über – Folklore und Brauchtum bei den Zigeunern … Sie wollen geben vielleicht hundert Francs? Nein? Fünfzig?«
Und ›Sara-la Kali‹ in der Kirche, das schwarze Idol. Die Dienstmagd der Schwestern der Jungfrau: Maria Jacobi und Maria Salomé, als sie allesamt aus dem Heiligen Land geflohen sind. Ein Zigeunermädchen, treu, brav und ergeben und auch noch gut, die Tochter eines Großen unter den Roma. Vor langer, langer Zeit. Das Meer warf die Schwestern Maria an die Küste dieses von Julien so geliebten Frankenreich, und Sara – weil ihr das in einer Traumvision so befohlen worden war – konstruierte aus ihren Kleidern eine Art Floß und schwamm hinaus, um die Marien zu retten. Und hinterher tauften sie die Schwestern zum Dank für die Rettung, und Sara verbreitete die Frohe Botschaft unter den Gaje und den Roma. »Kennst du die Schwarze Sara, die Jungfrau?«, fragte ich Julien einmal. »Die Heilige der Zigeuner? Ihre Statue stand in einer alten Kirche in Südfrankreich?« Doch nein, er hatte nie etwas von ihr gehört. Nein, nein, erklärte ich, sie ist keine Heilige im Kanon der katholischen Kirche. Sie ist bloß unsere persönliche Schutzpatronin. Aber natürlich haben sie sie trotzdem in einer katholischen Kirche eingesperrt. Mit regelmäßigen gewaltigen Pilgerzügen in jedem Jahr. Julien hatte keine Ahnung davon. Und ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass ich persönlich dort gewesen war, an der Südküste seines Frankreich, und mir die große Festprozession mit dem Standbild der Sara-la-Kali, der Schwarzen Madonna, ansah. Und das sogar mehr als nur einmal. Mein armer Julien, im Herzen beinahe ein Rom, und dennoch werden Geistreisen stets jenseits seiner Fähigkeiten liegen … Und so war ich es eben, der das Frankreich leibhaftig schauen durfte, das so leidenschaftlich seine Träume beherrscht und das er niemals, niemals sehen wird.
Die lange Nachtwache, die Vigilien, in der Krypta der Kirche. Links der uralte heidnische Altar, rechts die Statue der Sara, im Zentrum ein fast zweitausend Jahre alter christlicher Altar. Das alles ist inzwischen längst dahin, natürlich, ist Staub und verschwunden, als die Erde aufhörte zu sein. Und es ist keine Spur, kein Hauch mehr davon übrig. Jetzt. Aber ich kann noch immer auf meinen Geisttrips dorthin reisen. Ich kann zuschauen, wie meine Vorväter ihren Ritualpflichten nachgehen. Die Kleidungsstücke, die sie an die Haken hängen – als Opfergaben für die nackte Sara. Sie fahren reibend über die geheiligten Medaillons und Photographien, wenn sie krank sind, um Heilung zu finden. Und dann die Prozession zum Meer hinunter, bei der sie die heiligen Bildnisse in das heranschäumende Wasser tragen. Und dann taucht ihr selber in die Wellen, und ihr schöpft das Wasser und gießt es mit beiden Händen einander über den Kopf … ihr tunkt sogar die prophetischen Tarotkarten ins Wasser, damit sie noch geheiligter werden. Und spanische Gitarren, schrille Fiedeln. Blakendstinkende Kerzen. Dichtgedrängte Menschenschlangen. Und wir sind alle Roma, und wir ziehen gemeinsam in dieser Prozession – und die Gaje schauen gaffend zu, von einem Schauder der Ehrfurcht und Furcht überrieselt. So lange ist das her. Aber ich gehe immer wieder hin und ziehe mit den Meinen. Und keiner fragt mich,
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