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Zigeunerstern: Roman (German Edition)

Zigeunerstern: Roman (German Edition)

Titel: Zigeunerstern: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Silverberg
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wäre es eine Schmach und Entwürdigung, als Akrobaten zu arbeiten oder die Zukunft weissagen zu wollen. Wir tun das, was zu tun den anständigen Leuten verboten ist, und wir tun es ziemlich geschickt und raffiniert.
    Wo bin ich? Der Nebeldunst ist dermaßen dicht. Und es ist so lange her. Die Luft ist schwer und von Gewürzen geschwängert. Es muss die Morgenröte der Geschichte sein. Wir sind gerade aus unserem verlorenen, zerstörten Atlantis entronnen, und wir sind hier Schutzsuchende und Flüchtlinge. Vielleicht heißt die Stadt Babylon. Vielleicht ist es eins der Inselkönigreiche im Mittelmeer. Nein, ich glaube eher, es ist das früher einmal Indien genannte Land. Denn dort lebten wir nach dem Auszug aus Atlantis zu lange. Dieser Tanzelefant, die Hitze, die Luftwurzeln und Lianen, die von dem vielstämmigen Baum ausgehen. Aber es ist auch in Indien genau wie überall sonst – für uns. Wir bleiben irgendwie Gaukler und Akrobaten, Kesselflicker und Wahrsager, wo immer wir hingelangen. Außenseiter und Ausgestoßene.
    Ich lasse mich sichtbar werden. Ich bin bei weitem der größte und körperlich wuchtigste Mann auf dem ganzen Marktplatz. Die Kleidung, die ich trage, ist fremdartig, und meine Hautfarbe ist zu hell. Und doch scheint nur ein einziger Mensch mich zu bemerken: der geschmeidige Zigeunerjunge, der vor dem Fürsten seine Saltos vollführte. Unsere Blicke verfangen sich ineinander, fast über die ganze Weite des Marktplatzes hinweg, und der Junge lacht mir breit zu. Und dieses warmherzige Grinsen blitzt wie ein Leuchtfeuer in dem Nebeldunst.
    Hält er mich für eine Art Gaje-Fürsten aus einem fernen Land, frisch eingetroffen und dumm und unerfahren genug, ihn mit einem Vermögen in Gold für einen kurzen Tanz und eine Prise Weissagung zu belohnen?
    Nein. Aber nein. Er verzieht wieder grinsend das Gesicht und kneift ein Auge zu. Ein Zeichen des Erkennens, ein Signal der Zusammengehörigkeit. Er hat den Rom in mir erkannt.
    Und ich blinzle zurück und grinse. Meine Lippen bilden ein stummes Wort für ihn: Sarishan!
    Und durch den Dunst kommt von ihm die Antwort: sarishan, Cousin.
    Sagt er das tatsächlich? Cousin? Und er lacht und nickt. Und macht kehrt, dieser unbekannte uralte Vetter von mir, und verschwindet in der Menge. Und ich bin allein, und ein fünftausendjähriger weißer Nebeldunst schneidet mich von ihm ab.
     
     
    16
     
    Diesmal weiß ich, wo ich bin. Hier ist das untergegangene Frankreich, das Julien de Gramont so geliebt hat. Und ich stehe vor dem Schrein der heiligen Schwarzen Sara. Es ist das Zigeunerfestival, und mein Volk ist aus ganz Europa zu diesem Anlass hier zusammengeströmt. Ich war früher schon hier, viele Male in vielen verschiedenen Jahren. Vielleicht bin ich auch jetzt mitten unter meinen Leuten, in einer anderen meiner Geistgestalten. Vielleicht sogar in vielerlei Gestalt. Mag es sein, wie es sein muss. Ich schaue mich um. Der Anblick ist mir vertraut. Die Zigeunerfrauen in langen Röcken, die in tausend Farbtönen schimmern, massives Gold funkelt an ihrem Hals, auf ihren Brüsten; die Männer in dunklen Anzügen mit grellfarbigen Halstüchern und Schärpen; und alle tragen sie dünne brennende Kerzen über den sanften Strand ins Meer hinab. Und ringsum – wie eh und je – ein dichtes Gedränge von gaffenden Gaje, die sich gegenseitig die Ellbogen in die Rippen rammen, sich näher drängen, um einen Blick auf diese Zigeuner bei ihrem heiligen Ritual zu erhaschen. Gierig uns begaffend, wie zu allen Zeiten. Aber wir sind grandios in unserer Fremdartigkeit. Männer reiten auf weißen Pferden, Priester stolzieren in schwarzen Soutanen. Pferdehufe auf den kopfsteingepflasterten Straßen. Geigen und Gitarren vibrieren von Melodieströmen. Die langen Prozessionsschlangen der Roma drängen sich durch die engen Gassen auf die Kirche zu, in der die schwarze Heiligenstatue zur Schau gestellt ist. Süßerstickender Weihrauch und der fettige Gestank der Talgkerzen in der Luft. Lachen, Singen, Männer, Frauen, Kinder, Taschendiebe und staatssichernde Exekutivkräfte – kleine Taschenplünderer und klotzige Staatspolypen – eben: Roma und Gaje.
    »Willste wissen, wie wir Hühner klauen?«, fragt der Zigeunerjunge den Gaje spöttisch, der ihn mit großen Unschuldsaugen angafft. »Also, da nimmst du eine Pferdepeitsche, das geht am besten. Ein kurzer Schnalzer mit der Peitsche, und du holst sie, schwupps, direkt aus dem Gehege, und sie gibt nicht mal mehr einen Pieps von sich. Oder

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