Zigeunerstern: Roman (German Edition)
reserviert, fast interesselos.
»Yakoub, Sohn des Romano Nirano. Von den Kalderash. Und du?«
Ein Achselzucken. »Daweli Shukarnak. Bist du neu hier?«
»Nur zu Besuch.«
»Zu Besuch«, sagte er, als habe das Wort überhaupt keine Bedeutung für ihn. »Na, dann genieße deinen Urlaub.«
Und er wendet sich ab und reißt heftig den Bogen über die Saiten, er macht ein entsetzliches Geräusch dabei. Mich erinnert das plötzlich an das Kreischen, das Pulika Bushengro aus seiner Geige ertönen ließ, als Signal für seine Henkersknechte zum Angriff auf seine Verwandten, und mich überfällt ein momentaner Schauder. Ich möchte schreien.
»Warte!«, sage ich. »Ist das hier ein Gefängnis?«
»Was hast du denn gedacht?«
»Und diese halbtoten Gaje da drüben?«
»Juden. Das hier ist ein Gefangenenlager für Juden.«
»Aber es sind hier auch Roma?«
»Ein paar Roma, ja. Sie behandeln uns ein bisschen besser als die Juden. Wir kriegen immerhin zu essen, und sonntags musizieren wir für die anderen Häftlinge. Und für die Hitlari.«
»Die Hitlari?«, frage ich.
»Die Lageraufseher. Die Nazis.« Und er beginnt erneut zu spielen, eine traurig-süße Melodie, die mir das Herz zerreißt. »Sie verabscheuen uns, und sie verabscheuen die Juden, aber die Juden noch ein bisschen mehr als uns. Und wenn sie es geschafft haben, alle Juden umzubringen, werden sie anfangen uns umzubringen. Sie wollen alle umbringen, die Hitlari, alle, die nicht so sind wie sie, und das werden sie auch tun früher oder später. Sie glauben, sie erweisen uns eine Gnade, wenn sie uns erst später umbringen. Aber was für ein Leben ist das schon für einen Rom – eingesperrt in einem Gefangenenlager? Und sie haben uns schon getötet, indem sie uns hier zusammenpferchen.« Er blickt mich an, als sähe er mich erst jetzt zum ersten Mal richtig. »Und du bist wirklich ein Rom?«
»Du zweifelst an meinem Wort?«
»Du sprichst ein eigenartiges Romansch.«
»Ich komme von weit her.«
»Dann geh schnell wieder dorthin zurück, wo immer du herkommst! Falls du das kannst. Flieg fort und vergiss diesen Ort! Denn dieser Ort hier ist die Hölle. Hier ist das Haus des Teufels.«
»Nenn mir den Namen!«, sage ich.
»Auschwitz«, sagt er.
15
Es ist hier stark dunstig. Ich muss sehr, sehr weit in der Zeit zurückgewandert sein. Doch durch den dichten weißen Nebel erkenne ich droben eine gewaltige Flammensonne. Die Luft ist feucht und heiß. Hier ist eine Art Marktplatz. In seiner Mitte wächst ein riesenhafter Baum mit tausend Stämmen, und von unzählbaren Verzweigungen erstreckt sich ein verwirrendes Dickicht von Wurzeln und Lianen. Darum herum strömt das pulsierende Leben des Marktes: Händler, Heilige Männer, Diebe, Mauleselkarren, Kinder, Lohnschreiber, Zauberkünstler.
Die Menschen sind zierlich und schlank und haben eine dunkle Hautfärbung und scharfknochige Gesichter. Die Augen sind voller Licht. Sie reden in einer Sprache, die ich nicht verstehen kann, doch hin und wieder höre ich ein Wort, das beinahe wie Romansch klingt. Anfangs sehen alle diese Menschen für mich aus, als wären sie Roma. Aber dann erkenne ich, dass die meisten es nicht sind. Ich erkenne die echten Roma unter ihnen. Sie sehen zwar fast genauso aus wie die anderen, doch der Unterschied, wenn auch ein kaum wahrnehmbarer, ist klar. Sie besitzen das uns Roma eigene Leuchten.
Ich beobachte, wie die Roma sich auf dem Marktplatz bewegen. Da ist ein Jongleur, dort eine Akrobatengruppe. Fünf haben eine kleine Bühne errichtet und spielen dort ein Theaterstück. Einer bläst eine Flöte. Einer rüttelt grinsend einen Kasten mit Würfeln und fordert die vorbeiziehende Menge auf, gegen ihn zu setzen. Und ein anderer hat einem Elefanten das Tanzen beigebracht. Ich sehe das gewaltige Tier wie einen betrunkenen Narren hin- und herschwanken.
Ein Fürst mit prächtigem Turban zieht feierlich über den Markt. Diener mit vergoldeten Spießen schreiten vor ihm her und drängen die Menge zurück. Einer der Zigeuner, nussbraun und flink wie ein Affe, läuft auf ihn zu. Er schlägt Saltos, schlägt ein Rad, er schreit und lacht, macht komplizierte Wahrsage-Gesten. Er streckt die geöffnete Hand vor. Einer der Diener lässt eine Münze hineinfallen. Dann stößt er den Zigeuner grob mit der Breitseite seiner Hellebarde beiseite. Er war dem Fürsten zu nahe gekommen. Wir sind hier Ausgestoßene. Wir betreiben die verbotenen Gewerbe. Für die anderen Menschen auf diesem Markt
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