Zigeunerstern: Roman (German Edition)
ob ich das Recht dazu habe.
»Mandi Angitrako Rom?«, sagt jemand fragend zu mir. »Bist du ein englischer Rom?«
»Nein«, sage ich. »Nicht englisch. Von viel weiter her.«
»Ach ja, von Amerika. Von New York! Aus Romville in America! Sarishan, Vetter! Sarishan! «
Das sind für mich bloße Bezeichnungen, nichtssagende Namen. Amerika, was ist das? New York? Das ist doch alles so lange her … Mein Volk, meine Leute. Und ich, ihr künftiger König, schreite mitten unter ihnen umher. Ich, der Mann, der von den Sternen kam, und sie lachen und weinen und singen.
17
Die Burg heißt Groß-Ida. Steinerne Zinnen, stolze Bögen, tiefer altersgrüner Burggraben. Im Getöse der Kanonen sehe ich mich in der Gestalt eines früheren Geister-Selbst flimmerig auf dem gegenüberliegenden Wall. Hie und da zucken andere Roma-Gespenster auf den Wehrgängen auf und erlöschen wie Kerzen. Es treiben sich hier mindestens so viele Geister herum wie lebendige Verteidiger der Burg.
Aus den Schützengräben am Fuß des Hügels brüllen uns die anstürmenden Österreicher Beleidigungen zu. Und die sich verteidigenden Zigeuner hoch oben in der Burg brüllen dagegen. Die Österreicher schreien in ihrer Sprache, die Zigeuner in einer anderen, aber für mich ist das Ganze nur ein einziges lautes Brüllen. »Hutschka! Putschka! Hoya! Zim!«
Polarca taucht an meinem Ellbogen auf. »Was für ein Spaß, was? Du, Yakoub?«
»Ja. Aber das Ende ist immer das gleiche.«
»Trotzdem, schau doch, wie tapfer wir sind, oder nicht?«
Ja. Wie tapfer. Eintausend Zigeuner im Dienst des Ferencz Perenyi, des ungarischen Festungsherren. Als das Heer der Österreicher anrückte, war keiner unter seinen eigenen Leuten zur Verteidigung der Burg bereit, aber da gab es dann ja noch die Zigeuner. Und schaut sie auch an! Nach zwanzig Tagen Belagerung – wie sie kämpfen! Wenn man uns zu Kampfbrüdern macht, sind wir immer und überall loyal. Wir weichen nie vor einer Attacke aus. Es sei denn, natürlich, wenn es irrsinnig wäre auszuharren. Perenyi hat sich längst schon durch die Hintertür verzogen und ist geflohen. Er hat die Burg ihrem Schicksal überlassen. Und so ist sie jetzt eine Zigeunerburg. Wenn wir sie retten, können wir sie behalten. Aber natürlich haben wir keine Chance, sie zu retten. Die Österreicher sind unnachgiebig.
»Kämpft weiter!«, brüllt Polarca. »Ihr werdet siegen!«
Schwitzende Männer in schmutzstarrenden Lumpen laden die großen Kanonen und führen die Lunten ans Zündloch. Weit drunten birst flammend der Erdboden, die Österreicher rennen in alle Richtungen. Die Zigeuner laden erneut. Wenn ich könnte, ich würde selbst mit Hand anlegen. Neubestücken, zielen, Feuer! Laden, zielen, feuern. Polarca kabolzt von einer Brustwehr zur nächsten. Die anderen Yakoubs rennen wie irre herum, grinsen, brüllen den Kämpfenden Mut zu. Wir werden die Burg des Perenyi-Franz vor den Österreichern retten – für ihn … und wenn Perenyi nie zurückkehrt, dann gehört die Burg uns. Feuert! Schießt! Die Österreicher fliehen!
Aber die Geschütze der Festung verstummen eines nach dem andern.
»Schießt doch! Warum schießt ihr nicht weiter?«, kreischt Polarca.
Keiner kapiert, was er schreit. Das Schlachtgetöse übertönt ihn ganz. Und der heulende Wind. Und die Schreie der Verwundeten. Und wer würde schon überhaupt das Romansch eines Rom aus dem Königreich verstehen? Hier auf der Erde – sechzehn Jahrhunderte weit in der Vergangenheit? Aber dennoch müht er sich ab und feuert die Kämpfenden an.
»Feuert! So feuert doch!«
»Sie haben kein Schießpulver mehr«, sage ich gelassen in sein Ohr.
So ist es. Der Anführer der Zigeuner steht auf dem Wehrgang und schüttelt zornbebend die Fäuste. »Ihr Sauhunde!«, schreit er den Österreichern zu. Etwas ähnliches jedenfalls schreit er bestimmt. »Ihr Sauhunde! Hätten wir noch ein bisschen Pulver, wir würden schon mit euch fertigwerden!«
Nun begreifen die anstürmenden Truppen, dass das Kanonenfeuer aufgehört hat.
»Na los, kommt schon!«, schreit Polarca. »Mit bloßen Händen! Mit den Fäusten!«
Die Österreicher kommen im Sturmangriff den Hang herauf. Wir können nichts gegen sie unternehmen. Ab und zu ein einzelner Schuss aus einem Gewehr; aber wir haben unser Pulver verschossen, und die Feinde dringen wie ein Sturzbach über die Mauerkronen. Die Schlacht ist verloren. Die Burgfeste ist verloren.
Und ganz am Schluss ein grandioser Augenblick. Die
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