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Zigeunerstern: Roman (German Edition)

Zigeunerstern: Roman (German Edition)

Titel: Zigeunerstern: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Silverberg
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hineinzukratzen, um das Zeitgefühl nicht zu verlieren. Gewöhnlich gebe ich einen Dreck auf die Zeitmessung, und ich schmeiße fröhlich ganze chronologische Dekaden durcheinander, ohne mir deswegen große Sorgen zu machen. Hier aber in der Kerkerhaft fragte ich mich dann doch allmählich, wie viel Zeit denn genau verstrichen sei. Es war beträchtlich viel, wie sich erweisen sollte.
    Soviel zu Shandors feierlichem Schwur, er werde mich für immer in der modrigen Oubliette verrotten lassen. Natürlich war ich nicht so töricht anzunehmen, er könnte anderen Sinnes geworden sein, sich geschämt haben. Die Shandors dieses Universums wissen nicht, was dieses Wort bedeutet. Nein, er hatte sich wahrscheinlich nur überlegt, dass es vielleicht eine effizientere Methode gab, mich verrotten zu lassen. Vielleicht war er zu dem Schluss gelangt, dass ich schon dermaßen alt und boshaft geworden sei, dass ich eine dauerhafte Immunität gegen die Senilität und den Verfall entwickelt hatte, so wie jenes seltene Gelbholz von Gran Chingada, das fünfhundert Jahre lang in einem Mungar-Thangar-Sumpf liegen kann, ohne sich im geringsten zu verändern. Oder aber er rechnete sich aus, dass es ihm politisch schaden könnte, wenn das Königreich erführe, dass er seinen betagten Vater in einem Loch voll Schlangen und Ratten versteckt halte. Ich weiß es nicht. Es ist auch denkbar, dass er sich eine völlig neue Strategie aus den Fingern gesogen hatte, bei der es ihm als vorteilhafter erschien, wenn ich eine etwas komfortablere Zelle bewohnte. Ich konnte zwar keine derartige Strategie erkennen, aber das störte mich nicht.
    Polarca kam hereingegeistert und fragte: »Na, gefällt dir die hier etwa besser?«
    »Du hast die vorherige nicht gesehen«, sagte ich.
    »Aber klar habe ich sie gesehen. Ich war dreimal dort. Und du hast jedes Mal geschlafen. Brav vor dich hingeschnauft wie ein satter Säugling. Es hat dir anscheinend nicht einmal etwas ausgemacht, dass so 'ne Art Ratte auf deiner Brust hockte.«
    »Du hättest immerhin Hallo sagen können.«
    »Ach, du hast dermaßen friedlich ausgesehen«, sagte Polarca.
    »Ach, du Mistgock, du. Was tut sich da draußen?«
    »Wann?«
    »Jetzt.«
    »Woher soll ich denn das wissen? Ich komme ja nicht aus dem Jetzt.«
    »Und woher kommst du dann?«
    »Du weißt doch, dass ich dir das nicht sagen kann.«
    Ich hätte ihn am liebsten erwürgt. »Das Reich ist in Gefahr, ganze Welten haben zu taumeln begonnen, dein ältester und vertrautester Freund hockt hilflos im Knast – und du bringst die Frechheit auf, dich auf Vorschriften zu berufen?«
    »Es sind wichtige Vorschriften, Yakoub. Du weißt das. Muss ich dir denn das wirklich sagen? Sobald man anfängt, die Geistreisen zu missbrauchen und Informationen rückläufig in den Zeitfluss einspeist, geht das ganze Universum in Fetzen.«
    »Es geht sowieso schon zu Bruch. Aber du könntest mir helfen.«
    »Nein, ich glaube nicht, dass es möglich ist.«
    »Wozu also die ganze Mühe, überhaupt herzukommen? Bloß um mich zu quälen?«
    »Ich seh deine Augen so gern, wenn sie so funkeln. Wenn du dich ärgerst, siehst du besonders sexy aus.«
    »Dir werd ich was, von wegen sexy, du widerwärtige Hyäne!«
    »Nana! Beherrschung, Yakoub! Denk an deinen Blutdruck!«
    »Aber du machst mich rasend. Habe ich das verdient? Einen Sohn wie den Shandor und einen Freund wie dich?«
    »Aber ich bin dein Freund. Du hast gar keine Ahnung, wie gut ich zu dir bin. Und ich mag es gar nicht, wenn du etwa annimmst, ich sei nicht hilfsbereit.« Seine Gespensteraura durchlief ein paar einfallsreiche elektromagnetische Spielvarianten, was so ungefähr das Gespenstergegenstück zu einem normalen Seufzer langmütiger Duldsamkeit darstellt. »Also schön, Yakoub. Hör zu! Dein Flehen zerreißt mir die Brust. Es widerspricht zwar sämtlichen Gesetzen, aber ich werde dich trotzdem die Zukunft wissen lassen.« Er schwebte bis dicht an mein Ohr, legte den Kopf schief und flüsterte mit vertraulicher einschmeichelnder Stimme: »Es wird alles gutgehen.«
    »Was wird gutgehen?«
    »Es. Die fundamentale Kurve der Bestimmung unserer Rasse. Das Königreich, das Imperium, Stern der Roma. Also. Und sag nie wieder, dein Freund Polarca sei nicht hilfsbereit! Außerdem darfst du mir jetzt danke sagen.«
    »Das bezeichnest du als hilfsbereit?«
    »Und du, du bezeichnest das als Dankbarkeit?«
    »Dankbarkeit? – Wofür?«
    »Schau dich doch an, wie du mich angrollst! Ich habe dir gesagt, was du wissen

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