Zigeunerstern: Roman (German Edition)
wolltest, oder? Und ist es nicht angenehm und tröstlich, es zu wissen? Bist du nicht erleichtert? Was bist du doch für ein undankbarer Mistbock!«
Ich funkelte ihn nur noch zorniger an. »Und was nutzt mir deine grandiose Offenbarung? Ich mache mir keine Sorgen über die unbestimmte letzte Zukunft. Sondern darüber, was jetzt geschehen wird. Werde ich leben? Sterben? Komme ich jemals aus dem verdammten Loch hier raus? Gib mir ein paar Einzelheiten, ja? Ich möchte wissen, was jetzt genau auf der Liste steht, was demnächst geschieht, nicht das, was in tausend Jahren sein wird.«
»Du willst mich zur Sünde verleiten.«
»Sünde, deinem König zu helfen?«
»Du solltest dich schämen, mich derart zu manipulieren! Und was ist das für eine scheußliche Faulheit. Dein ganzes Leben lang hast du dir die Sachen immer selbst zurechtgezimmert. Und jetzt auf einmal verlangst du von mir, ich soll dir den Schaltplan liefern?«
»Ich will weiter nichts als ein paar greifbare harte Fakten.«
»Das ist zutiefst schockierend.«
»Ach, du sture Sau, Polarca!«
» Ich stur? Ich? «
»Ein Hinweis«, bettelte ich. »Eine Andeutung. Sonst wäre es besser, du kommst nicht mehr rüber, um mir auf die Nerven zu gehen. Ich verzichte lieber auf dich, als dass ich mich von dir derart plagen lasse.«
»Im Ernst?«
»Im Ernst!«
»Also gut«, sagte er. »Ich erbarme mich deiner. Ich sündige und verstoße gegen sämtliche Grundprinzipien des Geisterethos. Ich sage dir Dinge, die du selbst dir nicht verraten würdest – wo ist übrigens dein Gespenst, Yakoub? Warum ist denn dein Geist nicht hier und gibt dir kleine Hinweise? Also, ich geb dir einen Tipp, wie sich das Künftige gestalten wird.«
»Gut, dann tu es!«
»Der Schlüssel wird genau vor deiner Nase auf deinem Teller sein.«
»Genau auf dem Teller?«
»So, und sag nie wieder, ich gebe keine Hinweise.«
»Was denn für einen Hinweis? Was soll das heißen, ›genau auf dem Teller‹?«
Er schüttelte betrübt den Kopf. »Und ich hatte bisher immer gedacht, du bist der Scharfsinnigere. Du hast doch immer als der messerscharfe weitblickende Intelligenzbrocken gegolten. Na, und ich gebe dir den erbetenen Hinweis, und du machst nicht einmal eine kleine Anstrengung, da selber draufzukommen? Du willst einfach dahocken und noch einen Hinweis aus mir herausfischen? Oh, nein, Yakoub! Du hast deine Andeutung von mir bekommen. Verlang jetzt nicht noch mehr von mir.«
»Oh, du Miststück, Polarca!«
»Da hast du es. Direkt vor deiner Nase auf dem Teller.«
»Ach, fahr zur Hölle, Polarca!«
Er verschwand. Als man mir die erste Mahlzeit in dieser meiner neuen Zelle brachte, starrte ich zehn Minuten lang auf den Teller und versuchte dahinterzukommen, wohin die Anspielung zielte. Es war der gewohnte warme Pampebrei, die übliche Kumme lauwarmen Tees. Der einzige Unterschied bestand in einem kleinen Büschel irgendwelcher galgalanischer Salatkräuter am Tellerrand. Ich betrachtete das Grünzeug, als verberge sich darin der geheimnisvolle Sinn des Lebens. Was ja vielleicht so war, aber mir enthüllte er sich nicht. Schließlich aß ich sie auf. Auch davon wurde ich nicht klüger. Wie ich wohl schon gesagt habe, gibt es manchmal Zeiten, in denen mir Polarca das Gefühl aufdrängt, dass ich geistig so unterbelichtet sei wie ein Gajo. Und das genießt er dann. Der Herrgott hat mir als Sohn ein Ungeheuer beschert und als Freund einen Sadisten. Nun, Gott ist die unendliche Weisheit und die unendliche Liebe. Wer bin ich, dass ich an Seinen Geschenken herummäkeln dürfte?
3
Gott gab mir Polarca, als ich in echter Not war. Und er gab mich Polarca, dessen Nöte möglicherweise noch tiefer waren als die meinen. Ich glaube, er hat mir wohl das Leben gerettet, und ich weiß, dass ich ihm das seinige rettete. Das war auf Mentiroso und vor langer Zeit. Und weil wir gemeinsam auf Mentiroso waren, bin ich bereit, mir beinahe jeden Haufen Mist von ihm bieten zu lassen. Außerdem weiß ich, dass er es gut meint. Er ist ehrlich davon überzeugt, dass er mich amüsiert, wenn er seine kleinen Spielchen mit mir spielt. Meist hat er damit sogar recht.
Mentiroso ist eine jener Scheußlichkeiten, die Gott wohl nur darum erschaffen hat, dass wir die wundervolle Schönheit Seiner übrigen Schöpfung besser begreifen lernen. In dieser Hinsicht ist es etwa dem Idradin-Krater auf Xamur vergleichbar. Der Krater bietet genau jenen Hauch von Makel, der vonnöten ist, um Xamur als das Meisterwerk
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