Zurueck ins Glueck
Wenn der Preis, den sie für Samis Rettung zahlen musste, in der unauslöschlichen Abneigung und Verachtung ihrer Tochter bestand, dann musste sie sich eben damit abfinden, so gut es ging. Das Einzige, was sie jetzt noch für Sam tun konnte, war, sie fortan in Ruhe zu lassen. Wenn sie nach Galway zurückkehrte, gelang es ihren Kindern vielleicht, nach und nach die Scherben ihrer Leben wieder zusammenzusetzen. Ricky kannte noch nicht einmal das volle Ausmaß der Schuld, die seine Mutter auf sich geladen hatte, und hasste sie trotzdem. Kathleen seufzte. Allmählich kam sie zu dem Schluss, dass es für alle am besten wäre, sie wäre tot.
Im Foyer des Rathnew Manor herrschte am späten Morgen eine gedrückte Stimmung. David Neilson verstaute das Gepäck seiner künftigen Exfrau in seinem Wagen. Die Kinder zankten sich, die Nanny war in Tränen aufgelöst, weil Stephanie sie von der bevorstehenden Trennung von David in Kenntnis gesetzt hatte. Gillian Johnstons Augen verdunkelten sich vor Wut, als sie Cameron und Samantha gemeinsam aus der Hochzeitssuite kommen sah. Cameron verhielt sich ihr gegenüber schroff und abweisend, weil er es ihr verübelte, dass sie sich nicht an ihre Abmachung gehalten hatte – obwohl sich das in Anbetracht der Tatsache, dass Sam am Morgen unangemeldet bei ihm aufgetaucht war, im Nachhinein als Glücksfall erwiesen hatte.
Marcus war ungewöhnlich wortkarg; die Liebesspiele
mit Caroline auf dem Rasen im Hotelgarten und unter der Dusche im Bad hatten ihn völlig ausgelaugt. Auch Ricky machte einen erschöpften Eindruck, als er sich im Speisesaal zu Vinny und Wendy gesellte. Er war in den frühen Morgenstunden mit einem der Mädchen aus dem Pub ins Manor zurückgekommen, hatte seine Gespielin aber wohlweislich fortgeschickt, ehe die anderen wach wurden. Jetzt machte er sich über ein üppiges irisches Frühstück her. Die drei saßen noch am Tisch und verzehrten Schinken, Eier und Würstchen, als Samantha hereinkam.
»Ich hoffe nur, du hast keine neue Hiobsbotschaft parat.« Wendy nickte der Freundin zu. »Mein Bedarf ist gedeckt; ich habe gerade eben erfahren, dass David und Stephanie sich trennen.«
»Tja, die gute Nachricht lautet, dass Cameron und ich wieder miteinander reden, aber die Hochzeit wird trotzdem nicht stattfinden.«
»Warum denn nicht?«, fragte Ricky mit vollem Mund.
Samantha betrachtete ihren kleinen Bruder. War er wirklich so naiv? Es konnte ja nur einen Grund für das Absagen der Hochzeit geben, und den hatte er am Tag zuvor in der kleinen Kirche von Fiddler’s Point mit eigenen Ohren gehört. Cameron glaubte ihr noch nicht, aber Samantha wusste, dass ihre Mutter die Wahrheit gesagt hatte. Der Schmerz in ihrer Stimme war echt gewesen. Sie konnte diese Geschichte unmöglich frei erfunden haben.
Es gab noch einiges, was Samantha nicht begriff – zum Beispiel, warum James nicht rechtzeitig eingegriffen hatte, um das Schlimmste zu verhindern. War er wirklich
so egozentrisch, dass er seinen Sohn lieber in eine verhängnisvolle Ehe hätte hineinschlittern lassen, statt reinen Tisch zu machen?
»Wie geht es deiner Mum?«, erkundigte sich Vinny.
»Weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht.« Samantha schüttelte sich leicht. »Ricky, kannst du mich nach Dublin mitnehmen?« Sie lächelte ihren Bruder an, wobei sie sich insgeheim fragte, wie sie ihm beibringen sollte, was sie von Kathleen erfahren hatte.
»Klar«, erwiderte er, ohne von seinen Würstchen aufzublicken.
Im Auto würde sie ihm die Wahrheit so schonend wie möglich beibringen, beschloss Samantha bei sich.
In der Hotelhalle nahm Cameron den Portier so unauffällig wie möglich beiseite. »Wissen Sie, ob mein Vater noch im Hotel ist?«
»Ja, Sir. Er war heute schon früh unterwegs, ist aber vor einiger Zeit zurückgekommen. Er hat sich das Frühstück auf sein Zimmer bringen lassen.«
Cameron verlor keine Zeit. Er wandte sich ab und stürmte die Treppe hinauf.
Das Gespräch mit seiner Mutter hatte alle seine Befürchtungen zerstreut, aber nach der zwanzigminütigen Unterhaltung mit Samantha nagten bohrende Zweifel an ihm.
»Und? Ist das alles wirklich wahr?«, donnerte er, sowie sein Vater die Tür öffnete.
»Ich fürchte, ja, Sohn.«
» Was ?«
»Es tut mir leid, aber wie es aussieht, bin ich tatsächlich Samanthas Vater.« James brach ab, als er die verstörte Miene seines Sohnes sah, dann holte er tief Atem
und sprach weiter. Je eher er die fällige Aussprache hinter sich brachte, desto
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