Zwei an Einem Tag
Oberschwester abgefunden, und sie steht ihr gut zu Gesicht. Halb lächelnd, halb stirnrunzelnd streift sie seine Wange mit ihrer. »Der verlorene Sohn kehrt zurück!«
Dexters Verstand ist nicht zu vernebelt, um die Spitze zu erkennen, ignoriert die Bemerkung aber und wirft einen Blick auf das Tablett. Eine Schüssel mit graubraunen, in Milch eingeweichten Getreideflocken, daneben ein unbenutzter Löffel. »Wie geht es ihr?«, fragt er. Vielleicht sagt sie ja »wesentlich besser«.
»Schau selbst«, antwortet Cassie, und als er sich an ihr vorbeiquetscht, fragt er sich: Warum will mir keiner sagen, wie es ihr geht?
Er beobachtet sie von der Tür aus. Sie sitzt in einem eigens herausgebrachten, altmodischen Ohrensessel, aus dem sie die Felder, Wälder und die Stadt Oxford im Blick hat, von der aus dieser Entfernung allerdings kaum mehr als ein verschwommener grauer Fleck auszumachen ist. Ihr Gesicht ist zwar von einem großen Sonnenhut und einer dunklen Brille verdeckt – grelles Licht schmerzt ihr jetzt in den Augen –, aber an den dünnen Armen und der Art, wie ihre Hand schlaff auf dem Armpolster ruht, kann er erkennen, wie sehr sie sich seit seinem letzten Besuch vor drei Wochen verändert hat. Plötzlich ist ihm zum Heulen. Er will sich an sie schmiegen, von ihr in den Arm genommen werden und gleichzeitig auf dem Absatz kehrtmachen und wegrennen. Weil aber nichts davon in Frage kommt, trabt er gespielt schwungvoll die Treppe hinunter wie ein Talkshowmoderator.
»Hallöööchen!«
Sie lächelt, als wäre selbst das anstrengend. Er beugt sich vor, um sie unter der Hutkrempe zu küssen, und ihre Wange fühlt sich beunruhigend kühl, gespannt und dünn an. Sie trägt ein Kopftuch unter dem Hut, um den Haarausfall zu verbergen, aber er versucht, nicht allzu genau hinzuschauen, und holt sich schnell einen rostigen Gartenstuhl. Geräuschvoll zieht er ihn näher heran, so dass sie beide der Aussicht zugewandt sitzen, und er fühlt ihren Blick auf sich ruhen.
»Du schwitzt«, bemerkt sie.
»Na ja, es ist ja auch ziemlich heiß.« Sie sieht nicht überzeugt aus. Schlechte Ausrede. Konzentrier dich. Vergiss nicht, mit wem du sprichst.
»Aber du triefst förmlich.«
»Das liegt am Hemd. Kunstfaser.«
Sie streckt die Hand aus und streicht mit dem Handrücken über das Hemd. Angewidert rümpft sie die Nase.
»Welche Marke?«
»Prada.«
»Teuer.«
»Immer nur das Beste«, sagt er, und um schnell das Thema zu wechseln, nimmt er das Päckchen von der Steingartenmauer. »Hier, für dich.«
»Wie lieb.«
»Nicht von mir, von Emma.«
»Das erkenne ich an der Verpackung.« Vorsichtig löst sie das Geschenkband. »Deine kriegt man immer in zugeklebten Mülltüten …«
»Gar nicht wahr …«, sagt er lächelnd, um Unbeschwertheit bemüht.
»… wenn überhaupt.«
Es fällt ihm schwer weiterzulächeln, aber zum Glück hat sie nur Augen für das Päckchen, und als sie das Papier vorsichtig auseinanderfaltet, kommt ein Stapel Bücher zum Vorschein: Edith Wharton, etwas von Raymond Chandler und F. Scott Fitzgerald. »Wie lieb von ihr. Sag ihr danke von mir, ja? Reizend, diese Emma Morley.« Sie betrachtet das Cover des Fitzgerald-Buches. » Die Schönen und Verdammten . Das sind wir beide.«
»Aber wer ist wer?«, sagt er, ohne nachzudenken, aber zum Glück scheint sie es überhört zu haben. Stattdessen liest sie die Rückseite der Postkarte, eine schwarzweiße Polit-Kollage von 82 mit dem Schriftzug »Thatcher raus!«. Sie lacht. »So ein liebes Mädchen. Und so witzig.« Sie misst die Dicke des Romans mit Daumen und Zeigefinger. »Etwas zu optimistisch vielleicht. In Zukunft rätst du ihr besser zu Kurzgeschichten.«
Dexter lächelt und prustet gehorsam, aber er kann Galgenhumor nicht ausstehen. Angeblich soll er Mut beweisen und die Stimmung heben, aber er findet ihn langweilig und dumm. Das Unaussprechliche sollte besser ungesagt bleiben. »Wie gehts Emma denn so?«
»Ganz gut, glaube ich. Sie ist jetzt eine richtige Lehrerin. Hat heute ein Vorstellungsgespräch.«
»Na, das ist doch mal ein Beruf.« Sie dreht den Kopf, um ihn anzusehen. »Wolltest du nicht auch mal Lehrer werden? Was ist daraus geworden?«
Er bemerkt die Spitze. »War nicht mein Ding.«
»Nein«, sagt sie nur. Sie schweigen, und wieder fühlt er, wie der Tag seiner Kontrolle entgleitet. Film und Fernsehen hatten Dexter zu der Annahme verleitet, das einzig Positive an Krankheiten sei, dass sie den Leuten helfen, einander näher zu kommen,
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