06 - Weihnacht
Lebenszeichen meines Mannes!“
„Und zugleich das Zeichen, daß er mit dem Briefe einverstanden ist! Haben Sie diesen verstanden, oder soll ich ihn wiederholen?“
„Ja, bitte, sagen Sie mir den Inhalt noch einmal!“
„Gern! Also Mr. Hiller ist mit vier Schlangenindianern beisammen gewesen und wird darum der leichteren Bezeichnung wegen von dem Häuptling auch als Schlange abgebildet, aber von ihnen durch einen Hut unterschieden. Diese fünf Schlangen haben sechs Krähenindianer getötet, welche zum Stamme der Kikatsa gehören, und sind dafür von den Kikatsa gefangengenommen worden. Die vier roten Schlangen, mit denen man wenig Federlesens machte, wurden am Marterpfahle umgebracht; mit der fünften, weißen Schlange aber, Ihrem Manne also, hat man etwas anderes vor. Vielleicht ist er bei der Tötung der Krähenindianer nicht so beteiligt gewesen wie die Schlangenindianer; vielleicht auch oder sehr wahrscheinlich ist die Rachsucht des Häuptlings weniger groß als seine Klugheit, die sich in den Besitz einer hinreichenden Anzahl von Gewehren zu setzen wünscht, mit denen er diejenigen seiner Krieger, die noch keines besitzen, bewaffnen kann. Wenn sich das Gerücht, von welchem Sie vorhin sprachen, bestätigt, so bereiten sich da oben in den Bergen Feindseligkeiten vor, bei denen die bessere Bewaffnung leicht den Ausschlag gibt. Der Häuptling sendet also einen Brief an die Frau des Gefangenen und sagt ihr in demselben: Schickst Du binnen vier Monaten nach Empfang dieses Schreibens 365 Gewehre an mich, so gebe ich Deinen Mann frei, und er kann reiten, wohin er will; tust du das aber nicht, so muß er gradso am Marterpfahle sterben wie die vier Schoschonen! Mr. Hiller hat den Brief gesehen und unterzeichnet; er ist also damit einverstanden, daß er an Sie geschickt wurde.“
„Auch mit der Absendung der Gewehre?“
„Das will ich nicht behaupten. Wenn er der Westmann, der Jäger ist, wie Sie ihn beschreiben, ist er gegen die Lieferung der Waffen.“
„Aber da müßte er doch sterben!“
„Nicht so unbedingt, wie Sie anzunehmen scheinen. Kein Jäger wird es für in seinem Interesse gehandelt erachten, daß die Indianer ihm in Beziehung auf Bewaffnung gleichgestellt werden, und vier Monate sind eine lange Zeit, in der viel geschehen kann. Das wäre mir ein Westmann, der binnen hundertzwanzig Tagen keine Gelegenheit zur Flucht fände! Ich bin oft auch schon Gefangener der Indianer gewesen, ohne eine viermonatliche Frist zu – – –“
„Sie, Sie waren auch gefangen?!“ fiel sie ein.
„Ja, und zwar wiederholt. Ich habe da in der Hitze des Gefechtes mehr gesagt, als ich sagen wollte; das tut aber nichts, denn wie die Sachen stehen, werden Sie auch noch mehr über mich erfahren. Also, man braucht diesem Häuptling Yakonpi-Topa nicht gleich soviel Gewehre, wie das Jahr Tage hat, hinzuwerfen, um Mr. Hiller freizumachen; er wird auch mit sich handeln lassen, wenn Ihr Mann nicht inzwischen schon entkommen ist. Übrigens müßten, falls man die Waffen vielleicht doch schicken will, die Boten tüchtige Kerle sein, die sich nicht fürchten und sich nicht betrügen lassen, sonst nimmt er die Gewehre und gibt den Gefangenen nicht frei. Ich kenne das!“
„Da machen Sie mir ja noch mehr Angst, als ich so schon habe!“
„Sie dürfen das, was ich sage, nicht so schwer nehmen, Mrs. Hiller. Ich halte es für notwendig, daß ich gegen Sie aufrichtig bin, denn ich muß Ihnen die Schatten zeigen, damit Sie die Lichter um so besser erkennen.“
„Ich danke Ihnen! Mein Entschluß steht fest: Ich werde morgen früh nach St. Louis fahren und den Brief wieder mitnehmen, um mit den Herren wegen der Gewehre zu sprechen.“
„Übereilen Sie nichts! Es gibt da noch wichtige Punkte zu überlegen.“
„Welche?“
„Yakonpi-Topa hat geschrieben, daß er Ihrem Manne einen ganzen Berg von Pelzen abgenommen hat; aber ob er sie ihm wiedergeben will, davon schreibt er nichts.“
„Das versteht sich doch von selbst!“
„O nein! Wollte er sie ihm ausliefern, so hätte er im Briefe den Berg hinter das fortgaloppierende Pferd gemalt. Auch schreibt er nur von Ihrem Manne, nicht aber von dessen weißen Begleitern. Mr. Hiller ist doch nicht allein fort?“
„Er hat noch sechs Mann mitgenommen.“
„Sehen Sie! Die sind auch Gefangene der Kikatsa oder vielleicht gar schon am Marterpfahle gestorben!“
„Ist es denn nicht möglich, daß sie gar nicht mit gefangengenommen wurden?“
„Möglich ist es wohl, aber nicht
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