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bringen. Am Nachmittag verkroch ich mich in ein Kino und hatte schon beim Hinausgehen, obwohl innerlich ganz ruhig, die Handlung des Films und die Gesichter der Schauspieler vergessen. Später aß ich mit einer Freundin zu Abend und ging früh ins Bett, obwohl ich nicht vor Mitternacht einschlafen konnte. Gleich nach dem Aufwachen und ohne vorher zu buchen, fuhr ich in aller Frühe zum Flughafen und nahm die nächste Maschine nach Italien. Ich flog von London nach Mailand und nahm von dort einen Zug nach Turin. Als Morini mir die Tür öffnete, sagte ich, ich hätte vor, zu bleiben, er müsse entscheiden, ob ich in ein Hotel gehen oder bei ihm wohnen solle. Er antwortete nicht, sondern machte mir mit dem Rollstuhl Platz und bat mich herein. Ich ging ins Bad und wusch mir das Gesicht. Als ich zurückkam, hatte Morini einen Tee gekocht und drei Gebäckstücke auf einem blauen Teller angerichtet, die er mir wärmstens empfahl. Ich kostete eins, und es schmeckte herrlich. Es erinnerte an griechisches Gebäck, gefüllt mit Pistazien und Feigenkonfitüre. Rasch verputzte ich die drei Teilchen und trank zwei Tassen Tee. Unterdessen führte Morini ein Telefonat, dann hörte er mir aufmerksam zu und stellte nur ab und zu eine Frage, die ich bereitwillig beantwortete.
Wir redeten stundenlang. Wir sprachen über die Rechten in Italien, das Wiedererstarken des Faschismus in Europa, die Einwanderer, die islamistischen Terroristen, die Politik Großbritanniens und der USA, und je länger wir miteinander sprachen, desto besser ging es mir, was eigenartig war, da wir uns doch über eher deprimierende Themen unterhielten, bis ich nicht mehr konnte und ihn um ein Stück von seinem magischen Gebäck bat, wenigstens eins, und da schaute Morini auf die Uhr und sagte, es sei kein Wunder, wenn ich Hunger hätte, und er könne mir etwas Besseres anbieten als noch ein Stück Pistaziengebäck, er habe einen Tisch in einem Turiner Restaurant bestellt und werde mich dorthin zum Essen ausführen.
Das Restaurant lag in einem großen Garten mit steinernen Bänken und Statuen. Ich erinnere mich, dass ich Morinis Rollstuhl schob und er mir die Statuen erklärte. Einige stellten mythologische Figuren dar, andere einfache Bauern, verstreut in der Nacht. In dem Park gingen noch andere Paare spazieren, und manchmal kreuzten wir ihren Weg, andere Male sahen wir nur ihre Schatten. Während des Essens fragte Morini nach Euch. Ich sagte, dass die Fährte, die Archimboldi im Norden Mexikos vermuten ließ, falsch sei und er möglicherweise nicht einmal einen Fuß in das Land gesetzt habe. Ich erzählte ihm von Eurem mexikanischen Freund, dem großen Intellektuellen namens El Cerdo, und wir lachten eine ganze Weile. Und wirklich fühlte ich mich immer besser.«
Eines Abends, nachdem er das zweite Mal mit Rebeca auf der Rückbank geschlafen hatte, fragte Espinoza sie, was ihre Familie von ihm halte. Das Mädchen sagte, ihre Schwestern fanden, er sehe gut aus, und ihre Mutter hätte gesagt, er habe ein ehrliches Gesicht. Der Chemiegeruch schien den Wagen in die Lüfte zu heben. Am nächsten Tag kaufte Espinoza fünf Teppiche. Sie fragte ihn, wozu er so viele Teppiche brauche, und Espinoza erwiderte, er wolle sie verschenken. Zurück im Hotel legte er die Teppiche auf das unbenutzte Bett, dann setzte er sich auf sein eigenes, und für den Bruchteil einer Sekunde hob sich der Schleier, und er erhaschte einen flüchtigen Blick auf die Wirklichkeit. Ihm war übel, und er schloss die Augen. Ohne es zu merken, schlief er ein.
Als er aufwachte, hatte er Bauchschmerzen und fühlte sich sterbenselend. Am Nachmittag fuhr er einkaufen. Er ging in ein Wäschegeschäft, in ein Geschäft für Damenmoden und in ein Schuhgeschäft. An diesem Abend nahm er Rebeca mit ins Hotel, und nachdem sie zusammen geduscht hatten, zog er ihr einen Tanga an, Strapse, schwarze Seidenstrümpfe, einen schwarzen Body, schwarze hochhackige Stöckelschuhe und vögelte sie, bis sie nur noch ein zitterndes Etwas in seinen Armen war. Dann bestellte er ein Essen für zwei aufs Zimmer, und nach dem Essen überreichte er ihr die anderen Geschenke, die er für sie gekauft hatte, und danach vögelten sie wieder bis zum frühen Morgen. Dann zogen sich beide an, sie packte seine Geschenke zurück in die Tüten, und er fuhr sie erst nach Hause und anschließend zum Markt, wo er ihr half, den Stand aufzubauen. Bevor er sich verabschiedete, fragte sie ihn, ob sie ihn wiedersehen werde. Ohne zu wissen
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