Acacia 02 - Die fernen Lande
kleinreden. In Wirklichkeit ist sie nicht klein, nicht wahr? In Wirklichkeit ist sie eine Frau mit Macht.«
Kelis nickte. Diese Tatsache bedurfte kaum einer Bestätigung.
»Sangae hat mir erzählt, dass du ihre Politik nicht sonderlich schätzt. Du siehst sie ebenso klar wie wir, und du weißt – genau wie wir –, dass sie Talay verraten hat. Sie hat alle Völker verraten, die Aliver gefolgt sind und Hanish Mein besiegt haben. All dem stimmst du doch zu, oder?«
Dieses Mal nickte Kelis nicht, doch er widersprach auch nicht. Der alte Mann nahm das als Bestätigung. »Warum dienst du ihr dann?«
»Ich bin mit meinem Herzen im Reinen. Ich entscheide nicht, was die Königin tut. Ich kann nur als Kelis handeln – oder nicht. Das ist …«
»Dann behauptest du also, du wirst immer nur edle Werke für sie tun?« Sinpers bedächtige Stimme wurde schneller, schärfer. »Was ist, wenn sie etwas anderes von dir verlangt? Wie weigerst du dich? Wie sagst du Nein, wenn du so lange Ja, Ja, Ja gesagt hast?«
»Was soll ich also Eurer Meinung nach tun?«, begehrte Kelis schroff auf. Plötzlich war er wütend auf den alten Mann. Wer war er, ihn zu belehren – und warum ließ Sangae das zu? »Diese Welt wird von Löwen beherrscht. Die Beute gehört dem größten Löwen, ihm fällt alles zu, was er fordert. Im Augenblick ist Corinn Akaran dieser Löwe.«
»Die Löwin«, berichtigte Sinper.
»Zweifelst du nie an ihr?«, fragte Ioma.
»Der Zweifel ist mein täglicher Begleiter.«
»Meiner auch«, sagte Sangae sanft und zog Kelis’ Blick auf sich. »Halte mich nicht für einen Verräter an Aliver, weil ich an seiner Schwester zweifle. Der Prinz war mir ein Sohn. Das weißt du. Ich habe ihn auf die Bitte seines Vaters hin großgezogen, und ich habe ihn geliebt, als ob sein Blut das meine wäre.«
Sinper mischte sich ein. »Aber wir sprechen jetzt nicht von Aliver. Noch nicht. Corinn ist es, die mir Sorgen macht. Sie hat unsere adligen Familien auseinandergerissen und versucht, die Gedanken unserer Kinder zu vergiften, so dass sie sich gegen ihre Eltern wenden. Sie hat die Gilde nicht daran gehindert, noch mehr von unseren Kindern zu verschleppen. Ihre Verbrechen oder Versehen sind zu zahlreich, um sie alle zu benennen. Sie hat uns Wasser gegeben, ja, aber das reicht nicht, und es ist sehr spät geschehen. Meine Sorgen, was sie betrifft, sind zu einer Geschwulst geworden, die in meiner Brust steckt. Jeden Tag kann sie anfangen zu wachsen und mich töten. Ich würde sie herausschneiden, aber ich habe kein Messer, das scharf genug wäre. Zumindest hatte ich kein solches Messer …« Seine Stimme war zum Ende des Satzes hin immer leiser geworden, und er ließ ihn zerfasert und unvollendet stehen.
Ioma, der schweigend dagestanden hatte, flüsterte in die Stille: »Es könnte sein, dass wir dieses Messer gefunden haben.«
Kelis starrte von ihm zu Sangae; er traute seinen Ohren nicht. Nicht dass er bestritten hätte, dass Corinns Herrschaft nicht makellos war. Sie hatte ein verderbtes System von Hanish Mein geerbt, der es wiederum ihrem Vater abgenommen hatte, der dieselben Verbrechen fortgesetzt hatte wie die Generationen vor ihm. Keiner von ihnen schien die alte Weltordnung zerschlagen zu wollen. Corinn war vielleicht mehr Tinhadins Tochter als Leodans. Sie konnte immer noch großen Schaden anrichten. Aber … »Warum brennen diese Worte wie Hochverrat in meinen Ohren?«
»Hochverrat ist Verrat an einem anerkannten Herrscher«, sagte Ioma, »aber es ist kein Hochverrat, einen Usurpator zu verjagen. Ganz im Gegenteil – es ist Hochverrat, eine falsche Herrschaft hinzunehmen, sobald man weiß, dass sie falsch ist.«
Sinper rückte ein Stückchen auf seinem Stuhl vor, wie ein eifriger Jugendlicher. Er deutete auf Benabe. »Kelis, kannst du bestätigen, dass Aliver das Bett dieser Frau geteilt hat? Du warst sein engster Freund. Wenn sie miteinander geschlafen haben, kannst du gewiss …«
»Niemand kann bestätigen, was ein anderer Mann in seinem Zelt tut«, wehrte Kelis ab.
»Ach, sag die Wahrheit!«, mischte Benabe sich ein. »Ich kann mich noch an einiges erinnern, was du getan hast – und mit wem du es getan hast. Wir waren damals nicht schüchtern, oder? Du weißt, dass ich viele Male bei Aliver gelegen habe.«
Benabe hatte schon immer eine flinke Zunge gehabt. Mit Zorn ging sie genauso ungezwungen um wie mit Gelächter. Diese Ungezwungenheit war ein Teil von dem, was ihn an ihr gestört hatte – das und die
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