Alicia II
einen Knopf, und eine Tür in der Wand glitt mit einigem Quietschen zur Seite. Stacy und ich gingen hindurch.
Der Raum dahinter war groß und seine Flächen in verschiedenen weichen Farben dekoriert. Beinahe hätte ich den Mann hinter dem Schreibtisch nicht gesehen. Es war ein junger Mann mit lockigem blondem Haar und einem offenen, lächelnden Gesicht. Seine Schultern waren massig, und er schien zu groß für den normalen Schreibtisch vor sich zu sein.
Einen Augenblick lang fragte ich mich, wo Ben sei. Der junge Mann sprintete um den Schreibtisch und streckte mir die Hand entgegen.
»Jesus Christus, Voss«, sagte er, »du siehst entsetzlich aus, als seist du vierzehn Jahre lang im Raum gewesen oder so etwas.«
Mich störte die Vertraulichkeit des jungen Mannes, doch dann ging mir ein Licht auf.
»Jesus Christus, Ben, du bist es!«
»Natürlich bin ich es.« Er ergriff meine Hand und schüttelte sie mit noch größerer Energie, als sie dem übliche Ben-Blounte-Händeschütteln früher innegewohnt hatte. »Ich sehe schon, du bist so schwer von Begriff wie immer. Du hast es vergessen. Du hast den lieben alten grauhaarigen Doktor erwartet, der sich über die Unterlagen seiner Patienten und seine rostigen Diagnose-Maschinen beugt. Gib es zu, du Dummkopf.«
Ich war in Verlegenheit. Ja, das war Ben. Ich erkannte die Redeweise, den Ton seiner Stimme. Aber obwohl Ben mich immer in dieser wegwerfenden Weise behandelt und es mir nie etwas ausgemacht hatte, klangen seine Worte jetzt, wo er in diesem muskulösen jungen Körper steckte, in meinen Ohren unentschuldbar grob und geschmacklos. Bens Erneuerung konnte erst vor kurzem stattgefunden haben.
»Nun, ich war ein wenig betroffen«, heuchelte ich. »Ich hatte nicht gedacht, daß …«
»Du hattest nicht gedacht – wie üblich. Was meinst denn du, wozu du mich brauchst? Hallo, ich bin Ben Blounte.«
Letzteres war an Stacy gerichtet, der unverbindlich die ausgestreckte Hand ergriff und sagte: »Stacy.«
»Familienname oder …«
»Familienname.«
»Keinen anderen?«
»Keinen, den ich zugebe.«
»Okay, dann Stacy. Über was lächelst du, Voss?«
»Es ist nichts. Nur ist der Dialog, den ihr gerade geführt habt, beinahe ein genaues Duplikat der ersten Worte, die Stacy und ich seinerzeit austauschten.«
»Setzt euch, setzt euch, ihr beiden. Hast du daran gedacht, den Whisky mitzubringen, Kumpel?«
Zu Bens Entzücken zog ich eine Flasche Whisky hervor, die ich am Terminal gekauft hatte.
»Großartig! Ich habe zwei eigene Flaschen, aber das Zeug ist so verdammt teuer, daß ich lieber das von einem anderen trinke.«
Wir tranken mehrere Gläser und unterhielten uns. Meistens sprachen Ben und ich. Stacy sagte nur etwas, wenn er angesprochen wurde, wie es seine Art war. Ben richtete von Zeit zu Zeit das Wort an ihn. Einmal gestand er, Stacy habe ihm gleich gefallen, eine Bemerkung, die Stacy keine Reaktion entlocken konnte.
Ben war rund sechs Jahre nach unserm letzten Beisammensein gestorben. Vor anderthalb Jahren war er erneuert worden.
»Dann bist du beinahe sieben Jahre lang in der Periode der Dunkelheit gewesen«, sagte ich.
»Jawohl. Die Zeit wird immer länger und länger. Ich fühle mich besonders schuldig.«
»Schuldig?«
»Ich brauchte diesmal nicht zurückzukommen. Ich hätte mich voll Wonne zur ewigen Ruhe legen können. Nur aus müßiger Neugier habe ich den Antrag für die nächste Erneuerung gestellt.«
»Warum müßige Neugier?«
»Die Müßigkeit daran ist so verdammenswert. Es waren interessante Entwicklungen vorauszusehen. In der Medizin wurde an neuen Techniken gearbeitet. Auf politischem Gebiet begannen die Ausgemusterten, sich zu organisieren. Ich hatte auf meinem
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