Alptraumland
nur ein Auge geschlossen hätte. Wie mußte man geistig beschaffen sein, um sich angesichts dieser Grausigkeit so nonchalant zu verhalten?
Natürlich stellte ich mir auch die Frage, wie alt die Knochen sein mochten. Von Angus Robertson wußte ich, daß Onkel Stephen Ashton Manor erworben hatte, nachdem es rund einhundert Jahre lang der Besitz anderer Familien gewesen war.
Hatten auch diese Leute das Skelett als makabren Scherz in ihrem Keller liegen gelassen?
Den breiten Beckenknochen nach zu urteilen, gehörten die Knochen zu einem weiblichen Wesen. Dann fiel mein Blick im Schein der Fackel auf einige Stoffetzen, vermutlich die Reste von Kleidern. Ich sah auch einige Lederreste und einen etwa drei Zentimeter hohen Damenabsatz. Zwischen den am Boden verteilten Fingerknochen glänzte etwas. Ich riß mich zusammen, vergaß meinen Ekel und griff zu. An einem der Fingerknochen steckte ein beschmutzter Ring. Ich löste ihn vorsichtig ab. Er wirkte nicht besonders wertvoll, aber die Gravierung in seinem Innern war noch deutlich zu entziffern:
MEINER GELIEBTEN JANET
VON IHREM ERIC
August 1910
Ich schnappte nach Luft.
Die Fackel verbrannte meine Finger, und ich ließ sie mit einem heiseren Schrei zu Boden fallen.
Neunzehnhundertzehn! Mir schwindelte. Das Datum bedeutete, die Frau war wenigstens zehn Jahre nach dem Erwerb Ashton Manors durch Onkel Stephen in diesem Keller gestorben!
Das Skelett war kein Überbleibsel aus den alten Zeiten der Feudalherren, die ihre bäuerlichen Untertanen bis aufs Blut gepeinigt hatten. Mein Onkel war, als die Frau ums Leben kam, längst stolzer Besitzer dieses Landguts gewesen. Onkel Stephen ein Mörder – und niemand hatte etwas geahnt!
Mir wurde auf der Stelle übel.
Ich rappelte mich auf, trat die Pechfackel aus, wankte aus der kleinen Zelle und schleppte mich wie ein Gespenst nach oben. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, und als das Licht der Sonne vor dem Haus in mein Gesicht schien, stülpte sich mit der Magen um, ich mußte mich heftig übergeben. Ich lief mehrere Minuten lang schwankend, würgend und von Entsetzen geschüttelt durch den verwilderten Garten und fragte mich, was ich nun tun sollte.
Als ich zum Haus zurückkehrte, sah ich einen rotbärtigen, älteren Mann mit einem Strohhut und zerlumpten Kleidern. Er stand halbwegs hinter einer großen Ulme und beobachtete den Weg zur Freitreppe. Als er mich gewahrte, wich er erschrocken zurück und stieß einen Aufschrei aus, von dem ich nicht wußte, ob er auf Furcht oder Wut beruhte. Ich blieb überrascht stehen.
In Brusthöhe des mysteriösen Unbekannten blitzte etwas metallisch auf; dann sah ich den Lauf einer Waffe und hörte das Krachen einer Schrotflinte.
Obwohl ich noch stark benommen und zu keiner logischen Handlung fähig war, reagierte mein Unterbewußtsein, und ich ließ mich instinktiv zu Boden fallen, so daß der Schütze mich verfehlte.
Als er sah, daß er wenig Glück gehabt hatte, schien der Mut ihn zu verlassen, denn er nahm die Beine in die Hand und rannte in Richtung Tannenwald davon. Einmal fiel er hin, verlor die Flinte, aber machte sich nicht die Mühe, sie aufzuheben, sondern hastete weiter.
Ich blieb starr vor Entsetzen eine volle Minute lang auf dem Bauch liegen und traute mich nicht, den Kopf zu heben.
Erst als ich ganz sicher war, daß der geheimnisvolle Fremde, den ich aufgrund seiner Kleider für einen Vagabunden hielt, nicht mehr in der Umgebung lungerte, stand ich auf und begab mich an die Stelle, an der er zuvor gelauert hatte.
Die Flinte lag noch da. Ich bückte mich und hob sie auf, denn ich harte plötzlich das eigenartige Gefühl, daß es ein Fehler sein mochte, sich ganz allein und ohne Waffen in dieser menschenleeren Gegend aufzuhalten. Ich fragte mich, ob es nicht besser sei, in der kommenden Zeit auf eine Schußwaffe zu vertrauen. Die Flinte hatte zwei Läufe, und der rechte Lauf war noch geladen.
Nachdem ich einigermaßen wieder bei Sinnen war, kehrte ich ins Haus um und verbarrikadierte mich.
Ich wurde den Verdacht nicht los, daß der Fremde, wenn er sich von seinem eigenen Schreck erholt hatte, zurückkehren würde, um sein Vorhaben zu Ende zu führen. Doch zu meinem und seinem Glück zeigte er sich nicht mehr. Als Perkins am Abend heimkehrte – er hatte alle Dinge beschafft, die ich ihm aufgelistet hatte, darunter Liegen, Kochgeschirr, Spirituskocher, Lebensmittel und einfache Kleider, die wir bei den Aufräumarbeiten tragen wollten –, erzählte ich
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