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Anlass

Anlass

Titel: Anlass Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ambler
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Marinetti, postlagernd, American Express, Milano.
    Milano, 21. April
    Sehr geehrter Herr!
    Ich würde keine Zusammenkunft erbeten haben, wenn die Sache nicht von größter Wichtigkeit wäre. Es ist unbedingt nötig, daß ich Sie sofort sehe. Wollen Sie mich, bitte, postwendend wissen lassen, wann und wo ich Sie treffen kann. Ich überlasse Zeit und Ort Ihrer Wahl.
    Hochachtungsvoll
    J. L. Venezetti

    N. Marinetti an J. L. Venezetti, postlagernd, Wagon-Lits Cook, Milano.
    Milano, 22. April
    Sehr geehrter Herr!
    Ich werde am Sonntagabend gegen 22.45 Uhr in einer dunkelblauen Fiat-Limousine mit einer Geschwindigkeit von ca. 35 km/h auf der Autostrada Milano-Varese fahren. Wenn ich etwa 25 km außerhalb Mailands am Straßenrand in Richtung Varese einen Wagen mit eng beieinanderliegenden, brennenden Rücklichtern geparkt sehe, werde ich anhalten.
    Mit vorzüglicher Hochachtung
    N. Marinetti

11. Kapitel
    Blut und Donner
    E
    s war Zaleshoff, der das Treffen zwischen Vagas und mir arrangiert hatte. Ich hatte seine Vorschläge mit einiger Heiterkeit aufgenommen.
    »Blut und Donner«, hatte ich dazu bemerkt.
    Er hatte die Stirn gerunzelt. »Von Donner weiß ich nichts, aber wenn die Ovra dahinterkommt, daß Sie den General treffen, dürfte das mit dem Blut hinhauen.«
    »Wo kommt der Fiat her?«
    »Dafür werde ich sorgen.«
    »Aber warum Sonntag?«
    »Weil hier am Sonntagnachmittag ein Aufmarsch ist.«
    »Was hat der damit zu tun?«
    »Sie sind fast die ganze Zeit, seit Sie hier sind, beschattet worden, und seit dem Überfall haben Sie sogar zwei Kerle auf den Fersen. Wußten Sie das?«
    »Ja, ich habe sie gesehen. Sie treiben sich den ganzen Tag gegenüber dem Büro herum.«
    »Ehe Sie Vagas treffen können, müssen Sie die loswerden. Der Aufmarsch wird es erleichtern.«
    »Wieso?«
    »Das werden Sie schon sehen. Schreiben Sie nur den Brief.«
    So hatte ich ihn geschrieben.
    Auf eine Erpressung zu warten ist eine sonderbare Erfahrung. Ich fragte mich, wie Vagas dabei zu Werk gehen würde. Welchen Weg würde er einschlagen? Bisher war er ganz Liebenswürdigkeit gewesen. Es war sogar ein gewisser öliger Charme um ihn. Würde er den Liebenswürdigen spielen, oder würde er mich unter dem Samthandschuh die eiserne Faust spüren lassen? Ich amüsierte mich mit solchen Spekulationen.
    Es war eine merkwürdig phantastische Atmosphäre um diese Tage, die ich in Mailand verbrachte. Daß ich die Rachegefühle, die mich bewogen hatten, Zaleshoffs Plan zuzustimmen, längst bereute, versteht sich von selbst. Aber der menschliche Geist gewöhnt sich so leicht an eine Idee, daß der Gedanke, ich könnte aus der Sache aussteigen, mir bloß noch als eine Art Protest vorkam, als unausführbare Drohung. Ich hatte mich ja entschlossen, Spartacus zu kündigen. Darauf kam es an. Vielleicht war es vor allem dieser Entschluß, der meine Haltung bestimmte. Ich würde Mailand bald verlassen. Diese Tatsache gab der ganzen Situation einen Anstrich von Kurzfristigkeit. In etwa zwei Monaten würde ich zu Hause sein und wirklich damit anfangen, eine gute Stellung zu suchen. Was inzwischen passierte, war von untergeordneter Bedeutung. Ich identifizierte mich nicht mehr mit Spartacus. Wie ich Claire schrieb, hatte ich der Firma gegenüber kein schlechtes Gewissen. Ich hatte ihr mit Vagas’ Hilfe einen großen Auftrag verschafft. Das zählte. Alles, was ich noch bis zur Zeit der Abreise zu tun hatte, war, ihre Interessen hinreichend wahrzunehmen. Ergab sich die Gelegenheit, so würde ich Ihnen noch mehr Aufträge verschaffen. Das war alles, und ich hätte auch nicht mehr tun können, wenn ich bei ihnen geblieben wäre. Aber meine Einstellung war jetzt eine andere, mein Einsatz war begrenzt. Ich hatte das Gefühl, unabhängig zu sein, sozusagen auf Urlaub. Diese Angelegenheit von Zaleshoff erschien mir wie ein Spiel. Daß ich seine Regeln nicht kannte, war für meinen Gemütszustand zweifellos von Vorteil.
    Seit der Nacht, die ich in seinem Büro verbracht hatte, hatte ich Zaleshoff fast täglich gesehen. Zuerst hatte er abgewartet und sich die Lippen geleckt. Alles sei vorbereitet, versicherte er mir. Man müsse nur warten, bis Vagas die Schraube anziehe. Als dann der erste Monat ohne ein Lebenszeichen von Vagas verging, verwandelte sich seine Vorfreude in pessimistische Ahnungen. Er wurde reizbar. Mehrere Male war ich in Versuchung, die ganze Sache aufzugeben, und zweimal drohte ich auch wirklich damit. Beide Male brachte er gereizt Entschuldigungen

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