Auf ewig und einen Tag - Roman
Es fühlt sich irgendwie urtümlich an, holt einen auf den Boden zurück.«
Ich dachte an den Tag, als ich nach meiner Rückkehr auf die Insel LoraLee zum ersten Mal wiedergesehen hatte. »Ich wollte dir ja alles erzählen, Kerry«, sagte sie. »Es tut mir so leid. Du hast ja keine Ahnung, dass mir der Kopf fast geplatzt ist, weil ich alles für mich hab behalten müssen. Aber sie hat mich schwören lassen. Ich hab ihr gesagt, dass es ein Fehler war, und ich weiß, dass du früher hättest herkommen sollen.«
»Ich weiß nicht, ob ich jetzt hier sein sollte«, antwortete ich. »Sie will mich nicht hier haben.«
»Da täuschst du dich. Ich hab sie in den letzten Jahren gesehen, und gesehen, was ihr fehlt. Und tief in ihrem Innern weiß sie das auch. Dass das, was ihr fehlt, das Band ist, das sie am stärksten mit der Welt verbindet.«
»Nicht mehr. Sie hat jetzt ihr eigenes Leben, und das hat überhaupt nichts mehr mit mir zu tun. Und ehrlich gesagt, spür ich dieses Band auch nicht mehr.« Ich schüttelte schnell den Kopf. »Mir ist klar, ich sollte einfach Zeit mit ihr verbringen, ihr vergeben. Es hört sich ganz einfach an, ich sollte in der Lage sein, ihr schlichtweg das zu geben, was sie braucht.«
»Was meinst du mit einfach? Du bist durch die Hölle gegangen, und jetzt sagst du, es ist falsch, die Brandwunden zu spüren?
Ich will dir mal was sagen, ich weiß, dass es schwer ist, aber es ist noch schwerer, weil du denkst, es sollte einfach sein. Du denkst, es gibt nur eine einzige Art, richtig zu fühlen.«
Sie hatte sich umgedreht und sich auf die Vorderstufen gesetzt. Ich sah sie eine Weile an, ihre dicken, gerippten Strümpfe, ihre pinkfarbenen Baseball-Schuhe, dann setzte ich mich neben sie und strich über das mit Efeu bewachsene Gitterwerk.
»Seit ich zurückdenken kann«, sagte sie, »wolltest du deine Schwester sein, als hättest du nicht genug von dir selbst in dir gespürt, um du selbst zu sein.«
Ich blickte auf die staubige Straße hinaus, und plötzlich kam es über mich wie ein dunkler Schatten, das Grau meines Apartments, die Stadtgerüche nach Öl und saurer Milch. Was war übrig geblieben von mir?
»Als du fortgegangen bist, warst du in einem Alter, in dem sich die meisten Leute selbst finden wollen. Aber du, Kerry, du dichtest dein Inneres mit dicken Lagen aus Watte ab, damit bloß kein Licht hinkommt.«
»Sie hat mir mein Leben weggenommen«, sagte ich. »Es war meines.«
»Es ist ihres, Kerry, nicht deines. Alles geschieht so, wie es geschehen muss, selbst wenn es am Anfang nicht so aussieht. Sobald du das verstanden hast, kannst du weiterleben und lernen, was du lernen sollst, aber bis jetzt wartest du bloß, dass du in die Vergangenheit zurückkannst. Ich sag dir, da kannst du lange warten.«
Und jetzt, als hätte sie meine Gedanken gespürt, drehte sich LoraLee zum Fenster um. »Deiner Schwester würde wahrscheinlich ein bisschen Lächeln auch guttun, genauso wie dir. Was macht sie denn?«
»Sie fühlt sich nicht gut«, antwortete Justin schnell. Eve sah ihn fragend an, und er zuckte die Achseln. »Irgendwelche Kopfschmerzen.«
Ich schloss die Augen und schlang die Arme um die Taille.
»Sie könnte das besser mit dem Pflanzen«, sagte Eve. »Sie hat dir doch immer im Garten geholfen, nicht? Aber ich hab nie eine Pflanze gehabt, die nicht innerhalb von einer Woche eingegangen wäre.«
»Erinnerst du dich an die Venusfliegenfalle?«, fragte Gillian.
Eve lachte. »Damals warst du wie alt? Sechs?«
»Sieben«, sagte Justin. Seine Stimme klang jetzt beiläufig, ohne Anzeichen von Erregung. Ohne Anzeichen von mir. »Wir haben sie erstickt.«
»Es sollte ein praktisches Lehrbeispiel sein«, sagte Eve, »wie eine Naturkundesendung im Fernsehen. Aber Gillian hat es ein bisschen übertrieben.«
»Wir wollten, dass sie die Stubenfliegen fängt«, sagte Justin. »Aber nachdem sie ein paar Fliegen in ihrem Schlund verschwinden sah, hat sie sich in sie verliebt. Sie hat sie behandelt wie einen Goldfisch.«
»Sie hat hungrig ausgesehen«, sagte Gillian.
Justin lachte. Ich öffnete die Augen und beobachtete, wie er den Arm um Eves Schultern legte.
»Als ich am Dielentisch vorbeikam«, sagte Eve, »sah ich, dass die arme Venusfalle bis zum Rand mit Fliegen vollgestopft war. Wie eine obszöne moderne Skulptur. Und nach und nach wurde sie gelb und welk, und all die Fliegen fielen aus der Blüte heraus. Und dann hat Gillian auch noch beschlossen, sie zu Vorführungszwecken in die
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