Auf ewig und einen Tag - Roman
außerdem sind kleine Fehler nicht schlimm. Die geben dem Ganzen Charakter, finde ich. Also bist du zu einer anderen Arbeit bereit? Die hab ich extra für dich aufgehoben, Gillian, es ist die wichtigste Arbeit überhaupt. Der Mittelteil der Bühne.«
Ich drehte die letzten Schrauben in die Stützen, während Mrs. Brent Gillian zeigte, wie man weiße Fäden zu einem Netz webt. Als sie fort war, stellte sich Gillian neben mich und sah mir zu. Nach einer Weile sagte sie: »Ich hab’s rausgekriegt. Warum ich Wilbur spielen soll und warum Mrs. Brent mich das Netz machen lässt. Weil alle Mitleid mit mir haben.«
»Ach, Süße, das ist doch nicht wahr.«
»Deswegen hat sie auch gesagt, es sei egal, dass wir das Bild verhunzt haben. Im Kunstunterricht flippt sie völlig aus, wenn
jemand über die Begrenzung hinausschmiert.« Sie zuckte die Achseln. »Aber ist schon gut. Ich meine, es macht mir nicht wirklich was aus. Kann ich mal einen Schraubenzieher haben?«
Ich reichte ihn ihr und sah zu, wie sie sich abmühte, eine Schraube festzuziehen. »Ich wollte dich was fragen«, fügte sie, ohne mich anzusehen, hinzu.
»Ja?«
»Es ist vielleicht eine blöde Frage, aber ich dachte, ich stell sie trotzdem. Bleibst du hinterher bei uns? Ich meine, wenn Mom nicht mehr da ist?«
Ich brauchte einen Moment, um zu antworten. Schließlich wandte ich mich wieder zu dem Stall um. »Ich weiß nicht, Gil lian, vielleicht eine Weile.«
»Weil du das könntest, weißt du. Du könntest sogar für immer bleiben, mir würde das nichts ausmachen. Ich hab zwar gesagt, dass du nicht hier sein solltest, aber ich wollte dir bloß sagen, dass ich das nicht mehr finde.«
Ich streckte die Hände nach ihr aus und spürte einen Stich in der Brust, es war tiefe Trauer und Rührung zugleich. Und dann sah ich Eve. Sie stand hinter Gillian und versuchte mit einem falschen Grinsen so zu tun, als würde sie nicht zuhören. »Eve?«, fragte ich.
Gillian fuhr herum, ihr Gesicht war so bleich, als hätte sie die ganze Tragweite ihrer Worte begriffen und auch wie sie auf Eve wirken mussten.
»Also, ich werde langsam müde«, sagte Eve. »Ich denke, ich hör auf und fahr heim.«
»Ich komme mit«, sagte Gillian eilig und sah mich an. »Sag Mrs. Brent, mir ist es recht, wenn jemand anders das Netz fertig macht.«
Ich nickte und hob die Hand zum Abschied, als Gillian ihre Mutter zum Rollstuhl brachte. Ich lehnte mich gegen den Sperrholzstall und sah ihnen nach. Ich wollte ihnen am liebsten hinterhergehen, etwas sagen, erklären. Aber natürlich wusste ich, dass es eigentlich nichts zu sagen gab.
In dieser Nacht wachte ich von einem Geräusch auf, das durch die Heizungsrohre hallte. Ich sah auf meinen Wecker. Fast Mitternacht.
Ich hatte ein Stöhnen gehört, kaum wahrnehmbar. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen, griff nach Eves Pillenfläschchen und ging nach unten. Nachdem ich auf dem Weg zum Hobbyraum um die Ecke gebogen war, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Ihre Körper, die sich unter den Laken abzeichneten, wiegten sich langsam, und er bewegte sich vorsichtig auf ihr, als würden sie beide Butter auf etwas Weichem verstreichen. Die Liebe umgab sie wie eine Aura, wie ein Parfümhauch in der Luft. Wie erstarrt sah ich eine Weile zu, dann wandte ich mich hastig ab.
Im Zimmer oben holte ich unter meinem Bett den Umschlag mit den zerrissenen Briefen hervor, die wir am Tag meines Weggangs geschrieben hatten. Ich hielt ihn zwischen meinen Handflächen fest. All die Jahre war mir klar gewesen, dass diese Briefe die Antwort enthalten könnten, nach der ich suchte, die Antwort darauf, wem Justin zuerst gehört hatte.
Die Augen fest geschlossen, legte ich mich auf den Rücken. Ich hatte ihre Gesichter nicht gesehen, aber für mich waren es Kindergesichter, Eve und Justin, so wie ich sie mir so viele Male vorgestellt hatte, die Verführerin und der Verführte. In diesen Fantasien stand ich neben ihrem Bett und schaute zu. Und wenn es dann richtig heiß wurde und zur Sache ging, schmiss ich eine Handgranate hinein.
Aber jetzt war alles so anders, weil ich die Liebe zwischen ihnen gesehen hatte. Irgendwie hatte ich mir nie den Gedanken gestattet, es könnte wirklich echte Liebe zwischen ihnen sein.
Von unten drang ein erstickter Schrei herauf, ich knüllte den Umschlag zusammen und zog das Kissen über den Kopf. Jeder Muskel in mir war angespannt. Ich drückte mich gegen die Wand und stellte mir Eves Beine um Justins Taille vor, und dass beide eine
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