Back to Blood
Hast du Serena mal getroffen? Serena Jones?«
»Hmmmm ….« Er presste die Lippen aufeinander und ver drehte im Ich-versuche-mich-zu-erinnern-Modus die Augen erst nach oben, dann zur Seite. Ach was, spielte keine Rolle. »Ja … glaube schon.«
Tatsächlich war er sich sicher, dass er sie nicht kannte. Aber er erinnerte sich von irgendwoher an den Namen … aus einer Kolumne im Heral d ? Anglo-Familien aus den besseren Kreisen, aber mit gewöhnlichen Namen wie Jones, Smith oder Johnson hatten die Angewohnheit, ihren Kindern, vor allem den Töchtern, romantische, exotische oder auffallende Vornamen zu geben wie Serena, Cornelia oder Bettina oder Vor namen, die nach vornehmen, alten Familien klangen, wie Bradley, Ainsley, Loxley, Taylor oder Templeton. Er hatte einmal eine Studentin namens Tempelton Smith gehabt. Sie war nie nur die kleine mausgraue Miss Smith. Sie war Templeton Smith. Sein Denken war auf eine Sache fixiert: Familien aus besseren Kreisen und Familien, die eine Chance hatten, in die besseren Kreise vorzustoßen. South Beach Outreach war eine Organisation, die ständig in den Gesellschaftsspalten des Herald und der »Party«-Rubrik des Ocean Drive Magazine auftauchte, allein deshalb, weil ihre Mitglieder gesellschaftliche Schwergewichte waren. Man brauchte sich nur die Fotos anzuschauen — Anglos, Anglos, Anglos mit einem gewissen gesellschaftlichen Prestige. Ghislaines Freundin Nicole, die sie an der Uni kennengelernt hatte, war genau genommen keine WASP , zumindest nicht so, wie Lantier das Kürzel verstand, White Anglo-Saxon Protestant. Aber in ihrem Fall brauchte man das nicht wörtlich zu nehmen. Ihr Nachname war Buiten huys, was holländisch ist, und die Buitenhuysens waren altes Geld in New York, erlauchtes Geld in New York. Er hatte keine Ahnung, ob einer von ihnen wusste, dass Ghislaine Haitianerin war. Entscheidend war, dass sie sie als jemanden aus ihrem sozialen Milieu anerkannten. Der erklärte Zweck von South Beach Outreach war der, in Slums wie Overtown, Liberty City — und Little Haiti! — zu gehen und den Bedürftigen Gutes zu tun. Also hielten sie sie für ein Mädchen, das im Grunde so weiß war wie sie! Ihr Vater hielt sie für so weiß wie sich selbst! Der erhebendste Augenblick wäre der, seine Ghislaine inmitten der Menschen von Little Haiti zu sehen. Dort war die große Mehrheit schwarz, richtig schwarz, ohne Wenn und Aber. Zu Hause in Haiti schaute keine Familie wie die ihre, die Lantiers, richtig schwarze Haitianer auch nur an. Sie verschwendeten nicht mal einen flüchtigen Blick an sie … sie sahen sie gar nicht, außer sie standen ihnen physisch im Weg. Gut ausgebildete Menschen wie er selbst, mit seinem Doktortitel in französischer Literatur, waren wie eine andere Spezies des homo sapiens . Hier in Miami waren sie selbstbewusster Teil der Diaspora … das Wort an sich bezeichnete schon hohen Status. Wie viele? — die Hälfte? — zwei Drittel? — der im Großraum Miami lebenden Haitianer waren illegale Einwanderer, die mit diesem Begriff nicht mal ansatzweise etwas anfangen konnten. Die große Mehrheit hatte noch nie von irgendeiner Diaspora gehört … und wenn, dann hatten sie keine Ahnung, was es bedeutete … und wenn sie wussten, was es bedeutete, konnten sie es nicht richtig aussprechen!
Ghislaine — er schaute sie wieder an. Er liebte sie. Sie war schön, umwerfend! Sie würde bald an der University of Miami mit einem »Sehr gut« ihren Abschluss in Kunstgeschichte machen. Sie konnte sie sicher leicht … bestehen … diese größte Prüfung ihres Lebens. Das Wort bestehen hielt er jedoch in seinem Kopf verborgen, unter einer Schicht des Corpus geniculatum laterale … Niemals würde er das Wort bestehen in Ghislaines Gegenwart auch nur erwähnen … übrigens auch nicht vor anderen Menschen … Aber was er ihr viele Male gesagt hatte, war, dass es nichts gebe, was sie aufhalten könne. Er hoffte, dass diese Botschaft auch bei ihr angekommen war. In mancher Hinsicht war sie kultiviert — wenn sie über Kunst sprach, zum Beispiel. Egal ob es sich um die Zeit von Giotto, von Watteau, von Picasso oder auch die von Bouguereau han delte — sie wusste so viel! In anderer Hinsicht war sie ganz und gar nicht kultiviert. Sie war nie ironisch, sarkastisch, zynisch, nihilistisch oder herablassend, alles Hinweise auf die Tarantel in intelligenten Menschen, auf die kleine reizbare tödliche Kreatur, die niemals kämpft … die lediglich darauf wartet, wütend
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