Bis ich dich finde
dahinterzukommen, was für Medikamente er nahm – oder
ihrer Ansicht nach nehmen sollte. »Sie haben das schöne Haar Ihres Vaters«,
bemerkte sie, »wenn auch nicht seine Obsessionen – jedenfalls hoffe ich das.«
»Ich bin nicht tätowiert«, sagte Jack ihr kopfschüttelnd.
»Man kann auch auf andere Weise fürs Leben gezeichnet sein«, meinte
Dr. Andererseits von Rohr.
»Nicht alle Obsessionen sind ungesund, Ruth«, sagte Dr. Huber, die
Internistin. »Wie es scheint, hält sich Mr. Burns an die Ernährungsweise seines
Vaters. Wir heißen es ja wohl alle gut, daß William auf sein Gewicht achtet?«
»Sie meinen seinen Narzißmus?« fragte Dr. von Rohr, erneut ganz die
Oberärztin.
»Sind Sie in psychotherapeutischer Behandlung, Mr. Burns?« fragte
Dr. Berger, der Faktenmensch. »Oder können wir das ausschließen?«
»Ja, seit einiger Zeit«, antwortete Jack.
»Nun denn…«, sagte Professor Ritter.
»Das ist nichts, dessen man sich schämen müßte«, tönte Dr. Horvath,
der stellvertretende Leiter der Klinik.
»Sie zeigen vermutlich keine Anzeichen von Arthrose«, sagte [1061] Dr.
Huber. »Sie sind zu jung«, fügte sie hinzu. »Wohlgemerkt, ich sage nicht, daß
Sie sich wegen Williams arthritischer Hände Gedanken machen müssen. Sie spielen
nicht Klavier oder Orgel, oder doch?«
»Nein. Und ich habe auch keine Symptome von Arthrose«, sagte Jack.
»Irgendwelche Medikamente, von denen wir wissen sollten?« fragte Dr.
Krauer-Poppe. »Ich meine nicht gegen Arthrose.«
»Nein, gar nichts«, antwortete er. Sie wirkte etwas überrascht oder
enttäuscht – Jack war sich nicht ganz sicher.
»Na, na!« rief Professor Ritter aus. »Wir sollten uns von Jack befragen lassen!«
Die anderen Ärzte, merkte Jack, legten Professor Ritter gegenüber
eine freundliche Duldsamkeit an den Tag. Immerhin war er Leiter der Klinik.
Zweifellos lag ein Großteil seiner Aufgaben auf dem Gebiet der Public
Relations, mit denen sie wahrscheinlich nichts zu tun haben wollten.
»Ja bitte – Sie dürfen uns alles fragen!« sagte Dr. Horvath, der
Skifahrer.
»Inwiefern sind Spiegel Auslöser ?« fragte
Jack.
Die Ärzte waren offenbar überrascht, daß ihm die Sache mit den
Spiegeln – von Auslösern ganz zu schweigen – bekannt war.
»Jack hat sich mit Waltraut darüber unterhalten, daß sie mit William
Kleidung kaufen geht«, erklärte Professor Ritter den anderen.
»Manchmal, wenn William sich in einem Spiegel sieht, schaut er
einfach weg – oder er schlägt die Hände vors Gesicht«, sagte Dr. Berger, der
sich an die Fakten hielt.
»Manchmal dagegen«, begann Dr. von Rohr, »reicht schon ein
flüchtiger Blick in einen Spiegel, und er will seine Tätowierungen sehen.«
»Und zwar alle!« rief Dr. Horvath.
»Für eine derart detaillierte Selbstbetrachtung ist es dann oft [1062] nicht die passende Zeit oder der passende Ort«, erklärte Professor Ritter,
»aber William scheint dergleichen nicht wahrzunehmen. Manchmal hat er, wenn er
sich auszuziehen beginnt, auch schon mit einer Aufzählung angefangen.«
»Einer was?«
»Sein Körper ist eine Art Gobelin, dessen Motive er aufzählen kann –
sie ergeben sowohl eine Musik- als auch eine persönliche Geschichte«, sagte Dr.
Huber. Ihr Piepser gab Laut, und sie ging erneut zum Telefon neben der Tür.
»Huber hier. Noch nicht!« sagte sie verärgert.
»Das Problem ist folgendes: Jemand, der so pingelig ist wie Ihr
Vater, kann niemals pingelig genug sein«, sagte Professor Ritter zu Jack.
»Er ist stolz auf seine Tätowierungen, aber er sieht sie auch sehr
kritisch«, sagte Dr. Berger.
»William glaubt, daß sich einige seiner Tätowierungen an der
falschen Stelle befinden. Er wirft sich mangelnden Weitblick vor. Er bedauert
bestimmte Dinge«, erläuterte Dr. Horvath.
»Manchmal dagegen«, fiel Dr. von Rohr ein, »beschäftigt ihn die
Frage, welche Tätowierung seinem Herzen am nächsten sein sollte.«
»Aber die Anzahl der Dinge, die dem Herzen wirklich nahe sind, ist
zwangsläufig begrenzt«, meldete sich Dr. Krauer-Poppe zu Wort. »Sein Körper ist
mit dem gezeichnet, was er liebt, aber er hat auch seinen Kummer festgehalten.
Die Antidepressiva haben ihn beruhigt, ihn weniger ängstlich gemacht, für
besseren Nachtschlaf gesorgt –«
»Aber gegen den Kummer können sie wenig ausrichten«, sagte Dr. von
Rohr geradeheraus und wandte Jack dabei ihr Profil zu.
»Jedenfalls nicht genug«, räumte Dr. Krauer-Poppe ein.
»Es wird vielleicht
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