Casteel-Saga 04 - Nacht über Eden
wir jetzt tun.«
»Und was bedeutet das?« Ich fühlte, wie Angst in mir aufstieg. Ich war der Ansicht gewesen, daß ich emotional völlig normal reagierte, denn wer konnte eine solche Tragödie völlig unbeschadet überstehen? Am liebsten hätte ich den ganzen Tag geweint und getrauert, aber ich hielt die Tränen in meinem Herzen verschlossen, so daß sich andere in meiner Anwesenheit nicht beständig unwohl fühlen mußten. Und nun saß dieser Doktor hier und sagte mir, daß mein Gefühlsleben völlig gestört sei.
»Nun, Mrs. Broadfield hat mir von Ihren Besuchern und Ihren Telefongesprächen erzählt.« Er zog die Augenbrauen zusammen, so daß sich scharfe Falten an der Wurzel seines Nasenrückens abzeichneten. »Wir müssen diese Dinge für eine Weile einschränken, um Sie zu schützen. Ich weiß, daß Sie darüber nicht sehr glücklich sein werden. Aber ich möchte Sie bitten, uns – zumindest für eine Zeit – zu vertrauen. Glauben Sie, wir wollen damit nur erreichen, daß Sie sich wieder ganz erholen und um so schneller ins normale Leben zurückkehren können.«
»So viele Besucher hatte ich ja gar nicht… nur Tony und Drake und meine Tante Fanny und Luke. Er ist der einzige, der mich angerufen hat«, protestierte ich.
Er wandte sich zu Mrs. Broadfield um, die energisch den Kopf schüttelte, als hielte sie mich für unzurechnungsfähig.
»Nun, es geht nicht darum, wieviele Personen Sie besuchen oder anrufen, sondern darum, welche Wirkung die Besuche und Anrufe auf Sie haben«, erklärte mir Dr. Malisoff eindringlich.
»Sie haben großes Glück, daß es für Sie einen Ort gibt, an dem Sie sich ungestört erholen können. Dort werden Sie ebenso gut versorgt sein wie in jedem Rehabilitationszentrum. Sie werden in einer wunderbaren, ruhigen Umgebung leben, wo Sie von allen Unannehmlichkeiten abgeschirmt sind. Ihr Körper und Ihre Seele haben eine Chance, sich viel schneller zu erholen, als sie es könnten, wenn sie ständig mit den Problemen und Sorgen anderer Leute konfrontiert wären.«
Er tätschelte meine Hand und erhob sich.
»Ich will wirklich nur Ihr Bestes. Bitte vertrauen sie mir, Annie.«
»Ja«, sagte ich mit einer Stimme, die so dünn klang wie die eines kleinen Mädchens. Nun, vielleicht war ich ja wirklich wieder ein kleines Mädchen geworden. Vielleicht war ich wieder in jene Zeit zurückgefallen, in der mich die kleinsten Dinge zum Weinen bringen und mein Herz mit Sorge erfüllen konnten. Nur hatte ich jetzt nicht mehr meinen Vater und meine Mutter, die mir mit Liebe und Trost zur Seite standen.
»Gut.«
»Bedeutet das, daß ich jetzt länger im Krankenhaus bleiben muß?«
»Wir werden sehen.«
»Wie geht es ihr?« hörte ich Tony fragen. Niemand hatte ihn hereinkommen hören. Ich hob den Kopf, um ihn besser sehen zu können. Sein Gesicht war gerötet, sein seidiges graues Haar stand wirr ab, und sein dunkelblauer, doppelreihiger Anzug war zerknittert und formlos. Er sah aus, als hätte er den ganzen Weg hierher im Laufschritt zurückgelegt.
»Es geht ihr jetzt schon wieder recht gut«, beruhigte Dr. Malisoff ihn. »Sie hätten sich nicht so zu beeilen brauchen, Mr. Tatterton.« Er ließ seinen Blick rasch zu Mrs. Broadfield schweifen, die sich mit meinen Handtüchern und Waschlappen beschäftigte.
»Gott sei Dank«, sagte Tony, eilte an mein Bett und sah auf mich herab. »Ich dachte schon… was ist denn passiert?«
»Oh, eine Art emotionaler Überforderung. Annie und ich haben uns gerade ausführlich über die Sache unterhalten, und sie weiß, was wir jetzt tun müssen, nicht wahr, Annie?« Ich nickte. Er tätschelte noch einmal meine Hand und verließ das Zimmer.
»Einen Augenblick«, rief Tony ihm nach und folgte dem Arzt. Ich hörte, wie sie sich leise auf dem Gang unterhielten. Mrs. Broadfield kam zu meinem Bett, zog meine Decke glatt und schüttelte mein Kissen auf. Ihre Miene war streng und kalt.
»Sie werden doch deshalb keine Schwierigkeiten bekommen, nicht wahr?« fragte ich sie.
»Ich? Warum sollte ich Schwierigkeiten bekommen? Ich konnte Ihre Besuchszeiten ja nicht verkürzen oder Ihnen Telefonanrufe verbieten.«
»Ich dachte nur…«
»O nein, Annie. Sie sehen doch, daß alle völlig meiner Meinung sind«, sagte sie. Ein breites, kaltes Lächeln der Selbstzufriedenheit glitt über ihr Gesicht. In diesem Augenblick ähnelte sie einem eingebildeten Kater, der sich auf einem Sofa räkelte.
Einige Zeit später betrat Tony das Zimmer wieder und kam an mein
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