Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Chroniken der Weltensucher – Das Gesetz des Chronos

Chroniken der Weltensucher – Das Gesetz des Chronos

Titel: Chroniken der Weltensucher – Das Gesetz des Chronos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Thiemeyer
Vom Netzwerk:
Jacke. »Eine Speerschleuder, siehst du? Damit verleihen sie dem Geschoss zusätzliche Reichweite. Faszinierender Anblick.«
    Die Jäger waren jetzt auf unter fünfzig Meter herangekommen. Oskar schätzte die Entfernung zur Zeitmaschine, überschlug die Geschwindigkeit ihrer Verfolger und kam zu dem Schluss, dass es verdammt knapp werden würde. Sein Vater schien den gleichen Gedanken zu haben. Mit den Händen formte er einen Trichter und rief: »Heron, Code sechsunddreißig.«
    Code sechsunddreißig?
    Ehe Oskar wusste, wie ihm geschah, erscholl ein ohrenbetäubendes Heulen. Es klang wie eine von diesen Sirenen, wie sie neuerdings auf bestimmten Gebäuden in der Stadt aufgestellt wurden. Das Geräusch konnte einem Zahnschmerzen verursachen.
    Die Wirkung ließ auch nicht lange auf sich warten. Wie angewurzelt blieben die Jäger stehen. Einer von ihnen schlug die Hände auf die Ohren, ein anderer ließ sich in den Schnee fallen.
    Â»Herons Alarmeinstellung. Dachte, unsere Freunde könnte das vielleicht beeindrucken. Komm weiter.«
    Die letzten Meter zogen sich wie Gummi. Jeder Schritt war eine Qual. Außerdem mussten sie jede Sekunde damit rechnen, von einem Pfeil getroffen zu werden. Doch dann hatten sie es geschafft. Charlotte reichte ihm eine Hand und zog ihn an Bord. Oskar schnallte sich sofort an. Humboldt gab Heron die neuen Koordinaten, dann ging es los.
    Sie sahen noch, wie die fünf Jäger wie festgefroren auf der Ebene standen und ihnen entgeisterte Blicke hinterherwarfen, dann verwirbelte alles wieder zu einem flackernden Sturm aus Lichtern und Farben.

20
    Donnerstag, 17.   Juni 1895 …
    H einz Behringer öffnete die Tür seines Geheimverstecks im oberen Stock des Holzfällers und führte die beiden Männer die enge Stiege hinauf. Oben angekommen, traf er auf eine weitere Tür, die mit schweren Vorhängeschlössern gesichert war. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, durch dessen einziges Fenster – eine trostlose Öffnung mit Gitterstäben – spärliches Tageslicht sickerte. Hier hielt er Gespräche ab, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden hatten. Zinspreller, Schuldner und andere widerspenstige Zeitgenossen wurden hier gefügig gemacht und davon überzeugt, dass es keinen Sinn hatte, ihre Zahlungen verspätet abzugeben. Früher oder später bekam Behringer immer, was er wollte.
    Mit einem grimmigen Lächeln zog er seinen Schlüssel aus der Hosentasche, sperrte das Schloss auf und bat die beiden Männer herein. Ein letzter prüfender Blick ins Treppenhaus, dann schloss er hinter ihnen wieder ab.
    Unten wurde gerade lautstark Paul Linckes Berliner Luft angestimmt. Behringer ging in den hinteren Teil des Raumes, räumte mit wenigen Handgriffen den Tisch frei und bat die Männer, näher zu treten.
    Berlin! Hör ich den Namen bloß,
    da muss vergnügt ich lachen!
    Wie kann man da für wenig Moos
    den Dicken Wilhelm machen!
    Â»Bitte schön, meine Herren.« Er pochte mit der Faust auf die Tischplatte. »Dann lassen Sie mal sehen!«
    Warum lässt man auf märk’schem Sand
    gern alle Puppen tanzen?
    Warum ist dort das Heimatland
    der echt Berliner Pflanzen?
    Die beiden Männer traten an den Tisch und legten ihr Gepäck ab. Beide waren schwarz gekleidet und äußerst wortkarg. Außer einem gemurmelten Gruß hatte er noch nichts aus ihnen herausbekommen. War auch nicht nötig. Er wusste sowieso, wer sie geschickt hatte.
    Â»Aufmachen.«
    Der eine, ein untersetzter Kerl mit roten Wangen und Melone auf dem Kopf, öffnete den Verschluss seines Koffers und ließ den Deckel aufschnappen.
    Das ist die Berliner Luft Luft Luft,
    so mit ihrem holden Duft Duft Duft.
    Blauschwarzes Metall, verchromter Abzug, poliertes Nussbaumholz. Gezogener Lauf, Kastenmagazin, Ladestreifen, montierbare Anschlagschäfte. Daneben vier Aufsteckmagazine zu je zehn Schuss mit Patronen im Kaliber 9   mm Parabellum. Die brandneue Mauser C96   Selbstladepistole. So neu, dass die Typenbezeichnung bereits auf das kommende Jahr verwies. Ein Prototyp, handgefertigt und unnummeriert.
    Das war sie also: die Waffe, mit der der Kaiser und die Kaiserin ermordet worden waren. Falkenstein höchstselbst hatte sie ihm zur Verfügung gestellt. Behringer nahm die Pistole in die Hand und prüfte ihr Gewicht. Als geübter Schütze spürte er sofort, wie leicht und

Weitere Kostenlose Bücher