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Commissaire-Llob 1 - Morituri

Commissaire-Llob 1 - Morituri

Titel: Commissaire-Llob 1 - Morituri
Autoren: Yasmina Khadra
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Alarmiere die
    Nachbarn. Das ganze Gebäude muß evakuiert wer-
    den. Ich komme …“

    * * *

    Das Paket liegt vor meiner Wohnungstür. Zwei
    Pyrotechniker hören es in einer unerträglichen Stil-
    le ab. Sicherheitskräfte haben die Straße abge-
    sperrt. Mina und die Kinder warten aschfahl und
    stumm in einem Zellenwagen. Sie zittern am gan-
    zen Leib.
    Ich beobachte die Umgebung. Ich spüre, daß Ha-
    bibo ganz nah ist, so nah, daß ich auf ihn spucken
    könnte. Und alle Gesichter kommen mir verdächtig
    vor.
    Die beiden Pyrotechniker nehmen schließlich das
    Paket auseinander. Als sie aus dem Gebäude kom-
    men, gerät die Menge in Bewegung.
    „Blinder Alarm“, beruhigt mich der Diensthöhe-
    re.
    In dem Paket finde ich Seife für meine Totenwä-
    sche, ein Leichentuch und eine Gebetskette. Ein
    alter Brauch aus unserer Gegend.
    Ich nehme Lino zur Seite und trage ihm unauffäl-
    lig auf: „Versuch, meinen Cousin Kader in Béjaïa
    zu erreichen. Sag ihm, daß ich ihm Mina und die
    Kinder schicke. Sie dürfen auf keinen Fall in Al-
    gier bleiben.“

    * * *

    Drei Tage später, auf der Straße nach Zéralda, wird
    mein Wagen von einem Meteor gestreift. Ich dis-
    kutiere gerade über Funk mit Lino und merke gar
    nicht, wie mich eine fette Limousine überholt.
    Plötzlich rempelt sie gegen meine Tür und schüt-
    telte mich von Kopf bis Fuß durch. Ich erinnere
    mich nur noch, daß die Straße uneben wurde, dann,
    daß mich der Straßengraben verschlang, schließlich
    das Nichts …

    * * *

    „Mehr Glück als Verstand“, beruhigt mich der
    Arzt, während er sich die Röntgenbilder ansieht.
    „Ihr Schädel ist so hart wie die Eisenkugel eines
    Sträflings.“
    Ich weiß nicht, ob es sich dabei um ein Kompli-
    ment oder um eine Diagnose handelt, aber ich bin
    ordentlich erleichtert. Ich ziehe mich vor dem
    Spiegel wieder an. Mit dem Verband, der mir den
    Schädel einhüllt, sehe ich aus wie ein Fakir, dessen
    Zöpfe in eine Mühle geraten sind.
    Habibo ruft mich um vier Uhr morgens an: „Du
    hättest mir fast den Abend verdorben.“
    „Ich werde das nächste Mal besser aufpassen,
    nicht wahr, Didi …?“
    Am anderen Ende der Leitung wird aus vollem
    Halse gelacht.
    „Didi ist tot, Habibo. Man hat ihn in ein Loch ge-
    steckt und mit Stahlbeton zugeschüttet. Die Bande
    von Sid Lankabout, kaputt! Nur du und ich sind
    noch übrig. Wir werden uns prächtig unterhalten
    … Wo hast du eigentlich deine verlausten Gören
    hingebracht? Ich werde sie wiederfinden. Ich wer-
    de Pastete machen aus ihrem Gehirn.“
    „Nun mal langsam! Du hast gesagt, ich wäre
    schon tot, und ich lebe noch.“
    „Aber nein, du bist tot. Vollkommen tot. Nur du selber denkst, daß du noch von dieser Welt bist.
    Dein Totenschein wurde gleichzeitig mit dem
    Dienstvertrag unterzeichnet. Man sagt mir nach,
    daß ich meine Opfer beerdige, bevor sie noch auf
    die Welt kommen.“
    „Beweis es.“
    Ich lege auf.
    Er ruft mich sofort wieder an.
    „Verdammter Hurensohn. Ich kann es nicht aus-
    stehen, wenn man mir das Wort abschneidet. Mach
    das nie wieder mit mir.“
    Ich reiße das Telefonkabel heraus.

    * * *

    Es ist Montag. Ein griesgrämiger Himmel ergießt
    seinen Mißmut über die Stadt. Die Sonne meines
    Landes deprimiert. Die Greuel, die ihr die Nacht
    hinterläßt, sind stärker als ihre Magie.
    Jeden Morgen erfahren wir aus dem Tagesbe-
    richt, daß ein Kind getötet, eine Familie dezimiert,
    ein Zug angezündet, ein anderer Winkel des Lan-
    des heimgesucht wurde. Ich zwicke mich, bis ich
    blute, um sicher zu sein, daß ich nicht träume.
    Nein, es ist kein böser Traum. Auf der guten alten
    Erde Numidiens bringen sich die Brüder mit au-
    ßerordentlicher Grausamkeit gegenseitig um.
    Unter allen Völkern sind wir das „radikalste“.
    Wir sind davon überzeugt, die Besten oder aber die
    Schlimmsten zu sein. Von der goldenen Mitte ha-
    ben wir nie etwas gehört. Wir haben die tapfersten
    Soldaten der Welt und die mutigsten Frauen, und
    unter unseren Nachkommen finden sich die
    schrecklichsten Monster des Planeten. Mäßigung
    halten wir für Unsinn, für „Appetitlosigkeit“. Viel-
    leicht sind wir deshalb so unbezähmbar wie unver-
    nünftig.
    Währenddessen glauben wir weiterhin, daß eine
    Schubumkehr möglich ist, daß von einem Moment
    zum nächsten die Hölle der Menschen dem Para-
    dies Allahs Platz machen wird, daß mit einem Mal
    Djazaïr* wieder Djazaïr sein wird, das heißt, ein
    Ort, an dem zwar nicht alles eitel
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