Dämonen-Reihe Bd. 4 Traumsplitter
also auch bestimmt, dass mein Vater dich sehr mögen wird und es dir nicht im Geringsten übel nimmt, wenn du seine einzige Tochter im Grünen verführst? Und das, obwohl du ihr ganz offenkundig das Herz gebrochen hast und dann tagelang verschollen warst. Seit er angekommen ist, wartet er quasi darauf, dass du auftauchst und er dir die Fragen stellen kann, die er mir aus Taktgefühl erspart.«
Gabriel lag es auf der Zunge nachzuhaken, wie es Ella seit ihrer Trennung ergangen war.
Er selbst dachte mit Grauen an seine Zeit in dem Traumgarten, der ihm trotz seiner
Schönheit wie ein Gefängnis erschienen war. Denn alles hatte ihn an Ella erinnert und damit immerzu daran, dass sie dieses Reich nie wieder würde betreten können. Doch bei dem
glücklichen Leuchten auf ihrem Gesicht besann er sich eines Besseren. Sie würden noch mehr als genug Zeit haben, um sich mit all dem auseinanderzusetzen, was sie erlebt hatten.
Jetzt zählte nur, dass Ella bei ihm war und dass, was auch immer ihr der Verlust ihres Gartens bedeuten mochte, sich nichts Wichtiges an ihrem Wesen geändert hatte.
»Dein Vater ist also da.«
Mit einem entwaffnenden Lächeln nickte Ella.
»Nun denn. Ich erzähle ihm einfach, dass ich zwischenzeitlich in einem verzauberten
Garten festhing und Blumenblätter gezählt habe, bis eine Traumfängerin mich erlöst hat.«
»Diese Erklärung wird Eike bestimmt hochinteressant finden. Aber ich habe so meine
Zweifel, ob er sie dir abkauft.«
»Na, dann sollte ich wohl besser noch ein wenig an ihr feilen, bevor du mich deinem Vater vorstellst.« Gabriel lehnte sich vor, um das Spiel ihrer Lippen wieder aufzunehmen, doch sie wich ihm aus.
»Ich befürchte, das wird schwierig, du hast nämlich keine Zeit mehr. Eike kommt
geradewegs auf uns zu. Vermutlich hat der Jetlag ihn geweckt … Oder dieser Nachtfalter ist auf seiner Nase gelandet.«
Schlagartig gelang es Gabriel, von Ella abzulassen. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm einen Mann im besten Alter, der offenbar viel zu perplex von ihrem Anblick war, um sich höflich abzuwenden.
Gabriel schluckte. Zweifelsohne war er in die Wirklichkeit zurückgekehrt.
Epilog
»Selbstverständlich verstehe ich, dass es schwierig für dich ist, mitten im Herzen
der Provence keinen Rotwein zu trinken, wenn deine halbe Klasse betrunken durch die
Lavendelfelder streift. Das ist eine beinharte Prüfung für dich, Kimi, keine Frage. Und ich bin eine mordsstolze Tante, weil du nicht schwach wirst. Du wirst doch nicht schwach, oder?
Nee, das war eine rhetorische Frage, ich vertraue dir. Der neue Kimi lebt so gesund, dass man von ihm essen kann. Ich mag dieses Motto.«
Das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, nahm Ella das Teesieb aus der
Porzellankanne und stellte sie aufs Tablett zu der Schale mit den selbst gebackenen Keksen.
Unterdessen beschwerte Kimi sich ausführlich über die Gemeinschaftsduschen auf dem
Campingplatz, auf dem seine Schulklasse für eine Woche untergebracht war.
»Dann dusch eben bei den Mädchen mit, wenn die Jungs so albern sind. Ach, das hast du schon ausprobiert … Oh, Kimi, ihr habt wirklich …? Also, ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will.« Als Kimi munter weiterredete, fuhr Ella vor Verblüffung zusammen, und eine Ladung Tee schwappte über die Kekse. »Jetzt bin ich mir sicher, dass ich es nicht hören will.
Diese Hormonwallungen machen lauter Irre aus euch, weißt du das? Wie schön, dass du
dich über meine Pikiertheit amüsieren kannst, in spätestens fünf Jahren ist dir die Geschichte schrecklich peinlich. Gut, wir telefonieren morgen wieder. Versuch bitte, bis dahin nichts Dummes anzustellen. Das ist nicht witzig gemeint, du Kichererbse. Ja, ich liebe dich auch.
Schreib deinen Eltern, wie versprochen, eine
SMS, und nicht immer nur deiner
Busenfreundin Nicki. Verstanden?«
Aber da hatte Kimi schon aufgelegt. Nicht weiter schlimm, beruhigte sich Ella. Schließlich war das Verhältnis zwischen Kimi und seinen Eltern mittlerweile einigermaßen stabil.
Mit einem Seufzen stellte Ella das Tablett neben ihrem geöffneten Laptop ab und steckte sich einen aufgeweichten Keks in den Mund. Draußen vor den Fenstern spielte der
Oktoberwind mit gefallenen Blättern, während im Ofen die ersten Holzscheite des Jahres verglühten. Auf den Sommer war der Herbst überraschend schnell gefolgt, doch sie
vermisste weder die Hitze noch die langen Tage. Die Gartenzeit war vorbei, und sie empfand keine Trauer, als sie
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