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Das Bernstein-Teleskop

Das Bernstein-Teleskop

Titel: Das Bernstein-Teleskop Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philip Pullman
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Rautenform angeordnet; zwei in der Mitte und jeweils eines vorne und eins hinten unter dem Schwanz. Die Wesen bewegten sich mit einem seltsamen Schaukeln. Zu gern hätte Mary untersucht, wie ihr Skelett aufgebaut war.
    Die grasenden Tiere ihrerseits betrachteten die Frau ohne sonderliche Neugier und offenbar auch ohne Angst. Mary wäre gern näher an sie herangegangen, um sie sich genauer anzusehen, doch wurde es heiß, und der Schatten der großen Bäume lockte. Aber sie hatte ja noch mehr als genug Zeit.
    Wenig später erreichte Mary einen der steinernen Flüsse, die sie von oben gesehen hatte. Wieder gab es etwas zu bestaunen.
    Vielleicht handelte es sich dabei um eine Art Lavastrom. Der Untergrund war dunkel, fast schwarz, nur die Oberfläche war heller, wie abgewetzt oder abgeschliffen. Der Stein war so glatt wie eine ordentliche Straße in Marys Welt. Man kam darauf jedenfalls leichter voran als im Gras. Die Wissenschaftlerin folgte dem Band, auf dem sie stand. Es führte in einem weiten Bogen auf die Bäume zu. Je näher sie dem Wäldchen kam, desto mehr staunte sie über die gewaltigen Stämme. Sie waren in etwa so breit wie das Haus, in dem Mary wohnte, und so hoch wie - ja, wie hoch eigentlich? Mary konnte es nicht einmal schätzen.
    Sie erreichte den ersten Stamm und legte die Hände auf die von tiefen Rissen durchzogene, rotgoldene Rinde. Der Boden war knöcheltief mit braunen Blattgerippen bedeckt, die so lang wie ihre Hand waren und beim Gehen weich federten.
    Schon bald war Mary in eine Wolke mückenartiger fliegender Wesen eingehüllt, zu denen noch ein halbes Dutzend der kleinen Kolibris kamen, ein gelber Schmetterling mit einer Spannweite so groß wie ihr Handteller und jede Menge krabbelnder Wesen, die Mary nicht zur Ruhe kommen ließen. Die Luft war von Summen, Sirren und Schwirren erfüllt. Die Wissenschaftlerin ging zwischen den mächtigen Bäumen hindurch, und ihr war zumute wie in einer Kathedrale. Die selbe Stille herrschte vor, die Stämme strebten wie Pfeiler nach oben, und in sich verspürte sie feierliche Ehrfurcht.
    Mary hatte länger bis zum Wäldchen gebraucht, als sie veranschlagt hatte. Es wurde Mittag. Die Sonne stach senkrecht durch die Blätter, und Mary wurde schläfrig. Sie hätte gern gewusst, warum die weidenden Tiere sich während der heißesten Stunden des Tages nicht in den Schatten der Bäume verzogen.
    Sie sollte es bald erfahren.
    Da ihr zu heiß zum Weitergehen war, legte sie sich zwischen die Wurzeln eines Baumriesen und ruhte sich aus. Den Kopf bettete sie auf den Rucksack. Schon bald döste sie ein. Mary hatte die Augen noch keine zwanzig Minuten zugemacht und schlief noch nicht fest, da hörte sie plötzlich in der Nähe einen gewaltigen Schlag. Der Boden, auf dem sie lag, erbebte.
    Dem folgte ein zweiter Schlag, und Mary fuhr benommen hoch. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung, die sich in ein rundes Objekt von etwa einem Meter Durchmesser auflöste, das über den Waldboden rollte, anhielt und auf die Seite kippte.
    Dann fiel etwas weiter weg wieder einer dieser seltsamen Gegenstände herunter. Mary sah, wie das schwere Ding herabsauste, mit einem dumpfen Schlag auf die gewaltige Wurzel des ihr nächsten Baumstammes knallte und wegrollte. Am Ende landete eins der Dinger noch auf ihr. Die Wissenschaftlerin griff nach ihrem Rucksack und rannte aus dem Wäldchen. Was war das? Samenkapseln?
    Aufmerksam starrte sie nach oben. Dann wagte sie sich wieder unter die Blätter, um sich eine der Kapseln genauer anzusehen. Mary richtete sie auf und rollte sie aus dem Wald. Draußen legte sie sie auf das Gras vor sich.
    Die Kapsel war kreisrund und so dick wie ihre Handfläche. In der Mitte besaß sie dort, wo sie am Baum gehangen hatte, eine Vertiefung. Sie war nicht besonders schwer, doch extrem hart und mit fasrigen Haaren bedeckt, die am Rand alle in dieselbe Richtung zeigten. In diese Richtung konnte Mary sie mit der Hand ganz leicht streichen, in die andere dagegen überhaupt nicht. Die Wissenschaftlerin versuchte, die Oberfläche mit ihrem Taschenmesser einzuritzen, doch die Klinge glitt hoffnungslos daran ab.
    Ihre Finger fühlten sich danach seltsam glatt an. Sie hielt sie an die Nase. Die Finger rochen nach Schmutz und ganz entfernt nach etwas anderem. Mary betrachtete wieder die Samenkapsel. Die Vertiefung in der Mitte glänzte feucht. Sie berührte sie wieder und spürte wieder etwas Glattes. Dort trat eine Art Öl aus.
    Mary legte die Kapsel hin und begann

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