Das dunkle Fenster (German Edition)
nicht so gelaufen“, murmelte Katzenbaum, „wie wir uns das gedacht haben.“ Er ließ die Zigarette auf die Steinplatten fallen und trat sie mit dem Absatz aus.
In diesem Moment klingelte das Handy. Rafiq nahm ab und presste es ans Ohr.
„Wie geht es dir, mein Freund?“, tönte Shoufanis Stimme. Er klang aufgeräumt, geradezu fröhlich.
„Das hängt davon ab, welche Neuigkeiten du für mich hast.“
„Oh, wunderbare Neuigkeiten“, schwärmte Shoufani. „Neuigkeiten, die einen Koffer voller Dollars wert sind. Aber du bist mein Freund, und ich bin in großzügiger Laune.“ Er lachte. „Ich sage dir was. Ich tue etwas für dich, und nächste Woche essen wir gemeinsam und dann sage ich dir, was du für mich tun kannst.“
„Insha’allah“, murmelte Rafiq. „Einverstanden.“
„Gut. Dein Mann besteigt morgen Abend ein Boot nach Zypern. Er hat einen Handel mit Schmugglern geschlossen, die bringen ihn von Sur aus übers Meer. Der Kapitän sagt, ihr sollt warten, bis er ihn an der zypriotischen Küste abgesetzt hat. Wenn ihr vorher zuschlagt, dann kommt vielleicht heraus, dass er zweimal kassiert hat, und das wäre schlecht für sein Geschäft.“
„Was ist mit der Frau?“, stieß Rafiq hervor. Er spürte Erregung in sich aufsteigen. „Hat dein Informant etwas von der Frau gehört?“
„Dir liegt wohl sehr viel an dieser Frau?“, witzelte Shoufani. „Am Ende mehr als an deinem Geld?“ Sein Lachen klang voll und dröhnend. „Oh Rafiq, mein Freund, deine Frauen werden eines Tages dein Untergang sein. Aber ich verstehe dich, weißt du.“ Er wurde schlagartig wieder ernst. „Der Kapitän hat gesagt, dass die Passage für zwei Personen ist. Pass auf, sie werden übermorgen bei Sonnenaufgang in Zypern landen. Da endet mein Arm. Aber ich bin sicher, dir fällt etwas ein.“
„Das wird es“, sagte Rafiq. „Ich stehe tief in deiner Schuld.“
„Gewiss. Vergiss nicht unsere Verabredung. Dann kannst du berichten, wie alles ausgegangen ist. Und ich kann dir von meiner neuen Geschäftsidee erzählen.“
„Ich freue mich darauf’, versicherte Rafiq. „Mohamed, mein Dank ist grenzenlos.“
„Masalama. Es ist mir ein Vergnügen.“.
Dann gab es ein Knacken in der Leitung. Die Verbindung war unterbrochen. Rafiq sah auf. Unwillkürlich musste er lächeln. Es lag keine Freundlichkeit darin, nur Triumph. Gehässigkeit.
„Lev“, sagte er, und kostete diesen Moment aus. „Sie haben ihn gefunden.“
35 Sur | Libanon
Carmen musterte die Tür. Das Holz war voller Risse und sah nicht besonders stabil aus. Dann senkte sie den Blick und betrachtete ihre nackten Füße.
Scheiße.
Resignation erfasste sie. Schließlich straffte sie die Schultern. Das musste sie jetzt durchziehen. Noch nie in den vergangenen zwei Tagen hatte sie eine so gute Chance gehabt, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien. Sie warf sich mit der Schulter voran gegen die Tür. Der Schmerz, den der Aufprall durch ihren Körper schickte, war überraschend stark. Ihr wurde bewusst, dass sie noch nie in ihrem Leben eine Tür aufgebrochen hatte. Das war nie ihr Job gewesen. Sie verstand sich auf die Feinheiten, beherrschte es, einen Mann in eine Falle zu locken, Informationen aus ihm herauszuziehen, die er freiwillig nie preisgegeben hätte. Grobe Gewalt war nicht ihr Ding.
Sie biss die Zähne zusammen und rammte ihre Schulter erneut gegen die Tür. Das Holz federte nach außen, gab aber nicht nach. Erschrocken, beinahe wütend blinzelte sie die Tränen weg. Sie machte einige Schritte rückwärts. Sie brauchte ein Werkzeug, eine Waffe. Irgendetwas, um das verdammte Schloss aufzubrechen.
Ihr Blick fiel auf die Reisetasche, die Nikolaj von seinem Haus in Hawqa mitgebracht hatte. Sie hob sie hoch und schüttete den Inhalt aufs Bett. Und konnte ihr Glück kaum fassen, als sie zwischen den Kleidungsstücken die Glock mit dem Schalldämpfer entdeckte, die er den Eindringlingen in ihrem Apartment abgenommen hatte.
36 Tripoli | Libanon
„Was ist los?“, fragte Binyamin Shalev am anderen Ende der Leitung. Seine Stimme klang, als habe er geschlafen. „Du hast Nerven, mich auf der Nummer anzurufen.“
„Wir haben seine Spur wieder gefunden“, sagte Katzenbaum. Euphorie schwang in seiner Stimme. „Wir haben ihn, wir müssen nur noch zuschlagen.“
„Was?“ Die Schläfrigkeit schwand schlagartig aus Shalevs Stimme.
„Er lässt sich morgen Abend von ein paar Schmugglern nach Zypern bringen. Wir wissen, wann und wo sie ihn
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