Das dunkle Fenster (German Edition)
keine Genehmigung. Zuerst mussten wir sicherstellen, dass du der richtige Mann bist.“
„Wer waren diese Kerle?“
„Die die Schießerei angefangen haben?“ Carmen schüttelte den Kopf. „Wie ich schon sagte, keine Ahnung. Mit uns hatten die nichts zu tun.“ Sie verzog einen Mundwinkel. „Du scheinst jedenfalls ein gefragter Mann zu sein.“
Nikolaj spürte, dass die Anspannung zwischen ihnen abgeflaut war. Er verstand nicht genau, was geschehen war, aber er empfand Erleichterung. „Warum habt ihr mich nicht einfach liquidiert? Das wäre viel einfacher gewesen.“
„Weil es darum nicht geht.“
„Worum dann?“, fragte er ratlos. „Ich dachte, es geht um Rache.“
„Mein Gott, habt ihr eigentlich jemals was anderes im Kopf als Rache?“ In ihrer Stimme schwang ein scharfer Unterton. „Wenn überhaupt, dann geht es um Recht. Aber ich glaube, auch das spielt hier keine Rolle.“ Sie schwieg einen Moment, runzelte die Stirn. „Versteh mich nicht falsch“, sagte sie schließlich, „ich bin nur ein kleines Licht in der Operation. Ich habe gehört, dass sie vor allem Informationen wollen. Sie interessieren sich für deine Auftraggeber. Sie wollen wissen, wer für den Tod dieses Senators bezahlt hat.“
Nikolaj betrachtete die Rostflecke auf der gegenüberliegenden Wand. Er fragte sich, was Carmens Leute tun würden, wenn sie herausfanden, dass er auf ihre Fragen keine Antworten hatte.
Eine dünne rote Linie zerschnitt den Horizont. Dort, wo in einer Stunde die Sonne aufgehen würde, färbte der Nachthimmel sich dunkelblau. Der Sturm war abgeflaut, ein weicher Wind kräuselte die Wellen. Nikolaj beugte sich über die Reling und starrte hinab auf die Gischt, die an der Wasserlinie verwirbelte. Weit entfernt markierten Lichtpunkte eine Küste.
Abrupt stoppten die Maschinen; in die plötzliche Stille klang nur das Plätschern des Wassers. Planken knarrten unter schweren Schritten. Nikolaj richtete sich auf und drehte sich um. Delacroix’ gedrungene Gestalt löste sich aus der Dunkelheit.
„Da vorn“, der Franzose machte eine Handbewegung zur Küste hin, „sehen Sie die Lichter? Das ist der Flughafen von Larnaca. Und da“, seine Hand bewegte sich ein Stück nach rechts, „das ist Limassol.“
Auf dem Schiff entstand Bewegung. Männer eilten über das Deck, gedämpfte Rufe, geräuschvoll löste jemand Vertäuungen. Eine Kette schlug klappernd gegen die Bordwand. Sie ließen das Boot herunter.
„Wir laufen eine kleine Bucht in der Nähe von Kalymnos an“, erklärte Delacroix. „Sie liegt genau zwischen zwei Bergen. Um hoch zur Straße zu kommen, müsst ihr einfach dem Bachbett folgen. Zu dieser Jahreszeit führt es kein Wasser. Das könnt ihr nicht verfehlen, ist der einzige Weg.“
„Kalymnos“, murmelte Nikolaj.
„Ist ein Ferienort“, sagte der Franzose. „Limassol ist die nächste große Stadt, ungefähr zwanzig Meilen in westlicher Richtung.“
Nikolaj nickte. „Ist die Küste bewacht?“
Delacroix winkte ab. „Das wird kein Problem. Die fahren immer die gleichen Routen. Die kenne ich gut. Es ist nicht schwierig, den Booten auszuweichen.“ Freundschaftlich schlug er Nikolaj auf die Schulter. „Kommen Sie, wir fahren gleich los.“
Die Erschütterung jagte einen scharfen Schmerz durch die Wunde. Nikolaj zuckte zusammen, seine Muskeln versteiften sich unter dem plötzlichen Schock. Er sah Überraschung auf Delacroix’ Gesicht, der Kapitän setzte zu der Frage an, ob alles in Ordnung sei. Hastig drehte Nikolaj sich zu Carmen.
„Kommst du?“
Carmen löste sich von der Reling und trat an seine Seite.
„Dann bliebe da nur die Frage der noch ausstehenden Verbindlichkeiten“, sagte der Kapitän in seinem Rücken.
Nikolaj straffte sich, wandte sich wieder um, so dass er Delacroix’ Gesicht sehen konnte. Ein dünnes Lächeln, in der Dunkelheit nur vage zu erkennen, spielte um die Lippen des Mannes.
„Begleiten Sie uns an Land?“, fragte Nikolaj.
„Das werde ich.“
„Gut. Wenn das Boot angelegt hat, übergebe ich Ihnen den Briefumschlag mit der zweiten Hälfte des Geldes.“
Delacroix gefiel das nicht, es war ihm deutlich anzusehen. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er die finanzielle Seite des Handels gern unbeobachtet abgewickelt hätte. Im Boot würden seine Leute Zeugen der Geldübergabe sein. Möglicherweise wussten die Männer nicht, dass Delacroix so viele Dollars für die Überfahrt kassierte.
„Warum nicht jetzt gleich?“, fragte Delacroix verdrossen.
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