Das Erbe der Pilgerin
zusammengehämmert. Jedenfalls warte ich seit Wochen darauf, dass sie mit dem Beschuss beginnen – und jetzt ist es so weit. Eine von den Latrinen an der Burgwand hat’s schon weggehauen. Wenn das so weitergeht, scheißen uns die Ritter demnächst auf den Burgplatz.«
Wie auf vielen belagerten Burgen stellte auch Roland den Leuten hölzerne Gauben als Abtritte zur Verfügung. Sie reichten über die Burgwand hinaus, sodass die Fäkalien nach draußen flossen. Die Ausdünstungen der zwangsläufig auf engem Raum zusammengedrängten Menschen und Tiere waren auch ohne den Gestank ihrer Ausscheidungen schwer genug zu ertragen.
Luitgart nahm einen Schluck Wein und überlegte. »Und was meint Ihr, meine Herren, warum sie jetzt erst anfangen – und nun … Es fällt gar kein Schuss mehr, hört Ihr? Sieht aus, als hörten sie gleich wieder auf.« Der Wein beruhigte Luitgart sofort. Bis zu einer gewissen Menge half er ihr, klarer zu denken.
Roland zuckte die Schultern. »Was weiß ich?«, brummte er. »Vielleicht fehlt’s ihnen an Munition?«
Seine Ritter schüttelten die Köpfe.
»Herr, die sitzen da oben in einem Felsennest«, gab einer zu bedenken. »Da brauchen sie nur einen Meißel und einen Hammer, um sich an einem Tag die Munition für ein halbes Jahr zu schlagen.«
»Die Brocken müssen ja nicht perfekt rund sein«, fügte ein anderer hinzu.
»Oder das Katapult ist kaputt«, überlegte Roland lustlos weiter.
Luitgart runzelte die Stirn. »Gerade hat’s noch gut funktioniert. Nein, nein, das hat andere Gründe! Wahrscheinlich hat da jemand ohne Erlaubnis gefeuert … und jetzt ist der Befehlshaber zurückgekehrt.«
»Aber warum sollte Herr Dietmar Skrupel haben, auf uns zu schießen?«, erkundigte sich einer der älteren Ritter. »Gut, er will seine Burg nicht zerschlagen, aber das geht nicht so leicht, wie ich Euch ja eben schon versichert habe.«
Luitgart überlegte angestrengt, aber dann ging ein Leuchten über ihr immer noch schönes Gesicht. »Kann es sein, Roland, dass der junge Herr Dietmar seine Minnedame in diesen Mauern wähnt?«
Roland schürzte die Lippen. »Sophia ist in Toulouse«, antwortete er dümmlich.
Luitgart nahm sich noch etwas Wein. »Ich weiß das«, bestätigte sie dann geduldig. »Und du weißt das. Aber wissen es Gerlin und Dietmar? Der Süden Frankreichs ist ziemlich abgeschnitten. Da wütet doch dieser Kreuzzug …«
Luitgart war wenig begeistert davon, ihre Tochter in einem Kriegsgebiet zu wissen, aber andererseits ging es auf Lauenstein zurzeit auch nicht gerade friedlich zu.
Roland sah seine Gattin an. »Du meinst, die schonen uns, weil sie Sophia nicht gefährden wollen? Wenn das wahr wäre … da gäbe es ja noch ganz andere Möglichkeiten, dem jungen Herrn ein bisschen Angst zu machen …« Er grinste.
Luitgart lächelte zurück. »Wir sollten das herausfinden. Wähl einen der Ritter aus, möglichst einen, den du nicht dringend brauchst. Er soll rausgehen, sich mit irgendwem duellieren und sich dann gefangen nehmen lassen.«
Conrad von Neuenwalde tjostete den großen, trotz der langen Belagerung noch feisten Gisbert von Kent mühelos im ersten Anlauf aus dem Sattel. Der Neuenwalder hatte einen Patrouillenritt um die Burg unternommen, und der Ausfall des Riesen Gisbert überraschte ihn. Allerdings nicht genug, um seine Kampfkraft zu beeinflussen. Herr Gisbert war stark, aber unbeweglich, Conrad kräftig und geschickt. Es wunderte ihn nicht, dass der gegnerische Ritter sich gleich ergab, als er sein Pferd zweimal um ihn herumtänzeln ließ. Im ernsthaften Kampf stiegen die Ritter nicht ab, nachdem einer von ihnen gestürzt war – und gegen den wendigen Reiter hatte Gisbert keine Chance.
Conrad nahm seine Kapitulation würdevoll entgegen.
»So steigt auf, Herr Gisbert, und begleitet mich in unsere Burg«, forderte er seinen Gefangenen dann höflich auf. »Ich hätte Euch sofort gehen lassen – freilich ohne Pferd und Rüstung. Aber Herr Dietmar bat uns, den nächsten Gefangenen mit in die Trutzburg zu bringen. Ihr werdet uns dort bei einem Becher Wein Gesellschaft leisten und hoffentlich ein paar Fragen beantworten.«
Herr Gisbert schloss sich ihm wortlos an. Conrad führte ihn durch einen der Wirtschaftseingänge in die Trutzburg und ließ ihn wie nebenbei einen Blick auf Katapult und Munition, Waffenkammer und Vorratsspeicher werfen. Wie erwartet blickte der Ritter hungrig, als er eine mit Schinken und Würsten gefüllte Kammer passierte.
»Dergleichen haben
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