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Das erste Schwert

Titel: Das erste Schwert Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Anna Kashina
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er ihm die liebkosende Wirkung eines Atemhauchs
     auf der Haut vor, eines Windstoßes über einer Waldwiese an einem heißen Sommertag. Skip sah ihr in die lachenden violetten
     Augen, und ihn schwindelte.
    »Ich bin Skip«, plapperten seine Lippen. »Mein Bruder heißt Erle.« Er wusste, dass sie sich ihrer beider Züge schon in der
     Sumpfstadt eingeprägt hatte.
    »Erle«, wiederholte sie. »So ist es also wahr. In den Waldlanden benennen die Leute ihre Kinder nach Bäumen.«
    »Nur die älteren Söhne«, erläuterte Skip. »Es ist ein alter Brauch.«
    »Die älteren Söhne also«, nickte sie und schenkte ihm einen weiteren langen Blick. »Ich verstehe. Also gut, es ist schön,
     eure Bekanntschaft zu machen, Jungs.«
    Skip gewahrte Erles verkniffenen Mund und spürte seinen aufkeimenden Zorn. Dieses Mädchen sah nicht älter als neunzehn aus
     – insofern hatte sie ihnen beiden gerade einmal zwei Jahre voraus. Trotzdem gab sie sich wie eine Erwachsene, die mit kleinen
     Kindern redete. Aber Skip konnte sich darüber nicht ärgern, dazu war Kara einfach zu schön. Wenn sie lächelte, dann strahlte
     ihr Gesicht tief von innen. Wie jetzt, wo sie sich seinem Bruder zuwandte.
    »Also bist du der Ältere«, fragte sie.
    »Wir sind Zwillinge«, betonte Skip.
    Eine weitere aufmerksame Musterung von Kopf bis Fuß; so |75| intensiv, dass er sie beide in ihren Augen gespiegelt sah: Sich selbst, schlank und schlaksig mit seinen zerzausten braunen
     Haaren, und Erle wie immer groß und breitschultrig, mit seinen starken Muskeln und diesem blonden Haarwust, der die Leute
     nicht selten dazu verführte, mit offenem Munde zu gaffen.
    Kara neigte den Kopf ein wenig. »Zwillinge. Willst du mich auf den Arm nehmen, Junge?«
    »Er ist kein kleines Kind mehr«, wies Erle sie zurecht. »Und wir sind wirklich Zwillinge. Allerdings zweieiig.«
    »Wohl wahr. Jetzt seh’ ich’s auch.« War das Spott in ihrer Stimme?
    »Erle ist älter«, sagte Skip und ignorierte den Unterton. »Um eine halbe Stunde.«
    Sie stieß ein kurzes Lachen aus. »So, so«, brummte sie. »Er hat die blonden Haare bekommen, und du die blauen Augen. Nach
     welchen eurer Eltern kommt ihr?«
    Skip blickte seinen Bruder an. Vaters Augen waren grau wie die Erles, aber sein Haar war dunkler, seiner eigenen Haarfarbe
     ähnlicher. Sie hatten immer angenommen, dass sie den Rest von ihrer Mutter geerbt hatten, doch sie hatten Mutter ja nie zu
     Gesicht bekommen. Sie war im Kindbett gestorben, und wenn sie Mutter erwähnten, wurde Vater stets so traurig, dass sie es
     lieber ließen.
    Was Skip mit Sicherheit wusste, war, dass sie keine Bastarde waren. Sie hatten richtige Eltern. Mit der Probe würden sie keinerlei
     Probleme haben.
    Wer die Probe nicht bestand, dem wohnte die Ghaz Alim inne, die Verfluchte Gabe. Das bedeutete, man trug eine Abnormität in
     sich – etwas, das lange schlummern mochte, doch letzten Endes immer zum Leben erwachte und Tod und Zerstörung heraufbeschwor.
     Deshalb war es Gesetz, Kinder mit Ghaz Alim gleich nach der Geburt zu töten.
    Jedoch – was das anbelangte, hatten sich ihr Vater und |76| Baba Yagna als unerbittlich erwiesen. Unter gar keinen Umständen sollten Skip, Ellah und Erle sich der Prüfung unterwerfen.
    Skip beugte sich vor, stützte seine Hände auf den Knien ab und betrachtete sie so angelegentlich, als habe er sie noch nie
     gesehen. Erle, Ellah und er waren am Leben; sie hatten siebzehn Winter gesehen! Also konnten sie doch unmöglich an der Probe
     scheitern!
    Vaters und Baba Yagnas Befürchtungen ergaben einfach keinen Sinn.
    »Wir denken über dein Angebot nach, Kara«, beschied Erle ein wenig von oben herab. »Sicher finden wir in diesen Ruinen noch
     das eine oder andere Hufeisen, sodass wir dein Pferd auf alle Fälle beschlagen können. Warum lässt du’s nicht hier bei uns,
     und wir bringen es dir, wenn die Arbeit getan ist?«
    Sie lächelte. »Gut«, willigte sie ein. »Ich bin dann im Gasthof. Wenn ihr euch entschließt, nicht mit mir zu reisen, werde
     ich das Hufeisen bezahlen und bin weg. Andernfalls brechen wir gleich morgen früh auf.«
    »Wir lassen’s dich wissen«, brummte Erle – sehr erwachsen.
    »Hast du denn überhaupt keine Angst, mit zwei Männern zu reisen?«, platzte Skip heraus. »Du kennst uns doch gar nicht?«
    Erst antwortete sie nur mit einem Auflachen; dann fügte sie kehlig hinzu: »Könntet ihr Jungs mir auch nur ein Härchen krümmen,
     würde ich mich sehr wundern. Aber kommt bloß

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