Das Flammende Kreuz
aufzulösen, und aus dem frei gelegten Gewebe sickerte Eiter. Die Haut rings um die Wunden war drastisch angeschwollen, schwarz verfärbt und mit unheimlichen, roten Streifen durchzogen.
Ich biss mir auf die Lippen und runzelte die Stirn, während ich mir mein Bild von der Lage machte. Ich wusste nicht, was für eine Schlange ihn gebissen hatte - nicht, dass mir dieses Wissen ohne Gegengift viel genutzt hätte -, doch es war offensichtlich, dass sie über ein starkes, hämolytisches Gift verfügte. In seinem ganzen Körper waren kleine Blutgefäße geplatzt und hatten zu bluten begonnen - im Körperinneren wie unter der Haut - und in der Nähe der Wunde auch ein paar große.
Sein Fuß und der Knöchel waren auf der verletzten Seite immer noch warm und rosa - oder vielmehr rot. Das war insofern ein gutes Zeichen, als es bedeutete, dass der Blutkreislauf im Inneren des Beins noch intakt war. Das Problem war, die Durchblutung in der Nähe der Wunde zu verbessern, und zwar hinreichend, um ein massives Absterben und Ablösen des Gewebes zu verhindern. Die roten Streifen machten mir große Sorgen; es konnte zwar sein, dass sie nur eine Folge der Blutergüsse waren, jedoch war es wahrscheinlicher, dass sie die ersten Anzeichen einer Sepsis waren - einer Blutvergiftung.
Roger hatte mir nicht viel von ihrer Nacht auf dem Berg erzählt, doch das war auch nicht nötig gewesen; ich hatte schon öfter Männer gesehen, die mit dem Tod an ihrer Seite die Dunkelheit überstanden hatten. Da Jamie seitdem eine Nacht und einen Tag überlebt hatte, war es wahrscheinlich, dass er überleben würde - wenn ich die Entzündung unter Kontrolle bekam. Doch in was für einem Zustand?
Ich hatte noch nie einen Schlangenbiss behandelt, doch ich hatte genügend Lehrbuchillustrationen gesehen. Das vergiftete Gewebe würde absterben und verfaulen; es war gut möglich, dass Jamie den Großteil seiner Unterschenkelmuskeln verlor, was ihn für immer zum Krüppel machen würde - oder schlimmer noch, er konnte Wundbrand bekommen.
Ich musterte ihn verstohlen unter gesenkten Wimpern. Er lag unter einem Berg von Bettdecken und fühlte sich so elend, dass er sich kaum bewegen
konnte - und doch war die Linienführung seines Körpers elegant, versprach sie große Kraft. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn zu verstümmeln - und doch würde ich es tun, wenn ich musste. Jamie zum Krüppel zu machen... ihn zu einem hinkenden, einbeinigen Mann zu machen... bei diesem Gedanken verkrampfte sich mein Magen, und der Schweiß brach mir auf meinen blau gefleckten Handflächen aus.
Würde er das wollen?
Ich griff nach dem Becher mit Wasser an Jamies Kopfende und leerte ihn selbst. Ich würde ihn nicht fragen. Rechtmäßig war es zwar seine Entscheidung - doch er war mein, und meine Entscheidung stand fest. Ich würde ihn nicht aufgeben, ganz gleich, was ich tun musste, um ihn zu behalten.
»Bist du sicher, dass es dir gut geht, Pa?« Marsali hatte mein Gesicht beobachtet. Ihre Augen huschten angstvoll zwischen mir und Jamie hin und her. Ich bemühte mich hastig, meinen Gesichtszügen wieder einen Ausdruck der Kompetenz und Ruhe zu verleihen.
Jamie hatte mich ebenfalls beobachtet. Sein Mundwinkel verzog sich.
»Aye, nun ja, zumindest dachte ich das. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.«
»Was ist denn los? Fühlst du dich schlechter?«, fragte ich nervös.
»Nein, ich fühle mich prächtig«, log er ungeniert. »Es ist nur so; wenn ich mich verletzt habe, aber kein Grund zur Sorge besteht, schimpfst du immer mit mir wie ein Rohrspatz - aber wenn mein Zustand beängstigend ist, bist du die zärtlichste Frau der Welt. Nun, seit ich heimgekommen bin, hast du mich weder beschimpft noch mir einen einzigen Vorwurf gemacht, Sassenach. Heißt das, du glaubst, dass ich sterbe?«
Er zog eine Augenbraue ironisch hoch, doch ich konnte einen Hauch von echter Sorge in seinen Augen sehen. In Schottland gab es keine Giftschlangen; er konnte ja nicht wissen, was in seinem Bein vor sich ging.
Ich holte tief Luft und legte ihm sacht die Hände auf die Schultern.
»Alter Dummkopf. Auf eine Schlange zu treten! Hättest du nicht aufpassen können, wo du hintrittst?«
»Nicht, während ich hinter einer halben Tonne Fleisch her war«, sagte er lächelnd. Ich spürte, wie die Spannung in den Muskeln unter meinen Händen ein wenig nachließ, und unterdrückte das Bedürfnis, sein Lächeln zu erwidern. Statt dessen funkelte ich ihn an.
»Du hast mir eine
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