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Das Haus Der Schwestern

Das Haus Der Schwestern

Titel: Das Haus Der Schwestern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Link
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Kindern gegenüberstehen würde. Kindern, die ihr den Ablauf der Zeit erbarmungslos vor Augen halten würden — durch ihre bloße Existenz. Warum drängte sich ihr so beharrlich ein Bild ins Gedächtnis? Alice und sie auf der Mauer am Ende des Gartens, rauchend, beide so jung noch; und aus dem Haus die Stimmen: Maureen, Kate, Charles und Victoria. George . . . noch nicht gezeichnet vom Krieg.
    Vielleicht ist es das, dachte sie, was so weh tut. Nicht das Altwerden. Aber die Verluste. Die Wunden. Der Schmerz wird nicht geringer im Lauf der Jahre. Er wird stärker.
    Der Zug hatte Verspätung. Frances muße eine Dreiviertelstunde bis zur Ankunft warten. Es waren kaum Menschen auf dem zugigen Bahnsteig. Frances ging schließlich in die Bahnhofsgaststätte, trank einen heißen Kaffee und rieb unter dem Tisch ihre kalten Füße aneinander. Hinter ihr lamentierte eine Frau, daß seit Kriegsausbruch einfach nichts mehr funktionierte, daß die Züge früher pünktlich gewesen seien und daß es mit England den Bach hinuntergehe. Ihr Mann versuchte sie zu beruhigen, aber sie steigerte sich in einen Wutanfall und wurde ziemlich laut und ordinär. Frances fühlte sich erheitert und etwas besser. Sie ließ sich einen doppelten Brandy bringen, und als sie ihn getrunken hatte, lief der Zug ein.
    Obwohl mehrere Kinder ausstiegen, erkannte sie Alices Kinder sofort. Zumindest die Jüngere sah Alice sehr ähnlich. Die beiden Mädchen trugen die gleichen grauen Mäntel, unter denen dunkelblaue Faltenröcke hervorsahen, dicke graue Strümpfe und braune Halbschuhe. Beide hatten langes, blondes Haar, das zu zwei Zöpfen geflochten war. Sie hielten einander an den Händen und sahen sich aus großen Augen um.
    Frances trat auf sie zu. »Ihr seid Laura und Marjorie Selley? Ich bin Frances Gray. Herzlich willkommen in Yorkshire.«
    »Vielen Dank«, murmelte Laura.
    Sie war gut einen Kopf größer als ihre Schwester und um einiges dicker. Bedauernd stellte Frances fest, daß dieses Kind eher nach dem Vater geriet. Nicht, daß sie direkt häßlich gewesen wäre. Aber ihre blauen Augen blickten ein wenig stumpf drein, ihr Gesicht zeigte wenig Lebendigkeit. Sie sah aus wie ein nettes, biederes, schüchternes Mädchen.
    »Ihr werdet euch sicher wohl fühlen auf der Westhill Farm«, prophezeite Frances, bemüht, Optimismus zu verbreiten. Sie nahm die Reisetasche, die die beiden zwischen sich abgestellt hatten. »Viel habt ihr aber nicht mitgebracht! «
    »Wir haben nicht mehr«, erklärte Marjorie, »unser Haus ist von den Bomben zerstört worden und dann abgebrannt. Das ist die Tasche, die wir immer mit in den Keller genommen haben, deshalb ist sie übriggeblieben.«
    »Natürlich. Eure Mutter hat es mir ja gesagt. Nun, wenn wir nicht zurechtkommen und ihr noch etwas braucht, dann kaufen wir es einfach, ja?« Sie gingen zum Auto.
    »Mögt ihr Pferde?« fragte Frances.
    »In London gibt es nicht so viele Pferde«, sagte Marjorie.
    »Ich habe Angst vor großen Tieren«, fügte Laura hinzu.
    Frances unterdrückte ein Seufzen und sagte betont munter: »Wir werden sehen. Vielleicht freundet ihr euch ja mit ihnen an. Ich hoffe nur, ihr langweilt euch hier nicht. Es ist viel stiller als in London.«
    »Es ist schön, daß hier keine Bomben fallen werden«, sagte Laura.
    Ihr ernstes Gesicht war sehr blaß. Frances konnte noch gut die Spuren kaum überstandenen Entsetzens in ihren Zügen erkennen. Diese Mädchen hatten viel mitgemacht, rief sie sich wieder ins Gedächtnis. Was empfanden Kinder, die in einem dunklen Keller kauerten, während über ihnen das Haus zusammenstürzte und in Flammen aufging? Und auch wenn sie dieser Hölle nun entkommen waren, sie wußten immer noch ihre Eltern inmitten der Gefahr. Sicher hatten sie Heimweh und fühlten sich einsam. Eigenartigerweise schien Laura, die Ältere, mehr zu leiden als Marjorie, die Jüngere. Marjories Mimik verriet eine gewisse Aufmerksamkeit und Neugier gegenüber ihrer Umgebung. Laura sah aus, als habe sie sich in sich selbst zurückgezogen.
    Im Auto sprach keines der Kinder ein Wort. Um die erdrückende Stille zu unterbrechen, sagte Frances schließlich: »Ihr habt Pech, daß es heute draußen so naß und kalt ist. Wenn die Sonne scheint, ist der Herbst hier oben wirklich schön. Ihr werdet es noch sehen.«
    »Es gefällt mir hier«, sagte Laura höflich.
    »Sicher vermißt ihr eure Eltern, nicht? Bleiben sie bei den Bekannten wohnen, zu denen ihr nach jener Nacht gegangen seid?«
    »Sie wollen sich

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