Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Haus Der Schwestern

Das Haus Der Schwestern

Titel: Das Haus Der Schwestern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Link
Vom Netzwerk:
etwas Eigenes suchen«, sagte Laura, »aber das wird schwierig. In London ist vieles kaputt. Und Vater hat keine Arbeit.«
    »Nein? Schon länger nicht mehr?«
    »Seit zwei Jahren.«
    »Er war doch Hausmeister in eurem Haus.«
    »Die Mieter haben sich ständig über ihn beschwert.« Laura senkte die Stimme. »Er kam einfach nicht hinterher mit Reparaturen und solchen Sachen. Da haben sie ihn entlassen.«
    »Laura!« sagte Marjorie scharf. »Mami hat gesagt, das soll niemand wissen! «
    »Aber Mrs. Gray ist doch eine Freundin von Mami!«
    »Oh — ihr nennt mich aber bitte Frances, ja? Ich kenne eure Mutter schon sehr lange. Wir waren einmal recht gut befreundet.«
    »Da hörst du es«, sagte Laura zu ihrer Schwester.
    Frances dachte an Hugh Selley während des letzten Krieges. Viel zu selten nur war es ihm gelungen, Heizmaterial aufzutreiben, und sie hatten meistens gefroren. Er war einfach zu schüchtern, in gewisser Weise fast lebensuntüchtig. Es verwunderte sie nicht allzusehr, daß er schließlich seine Arbeit verloren hatte. Nun lag alle Last auf Alice.
    »Eure Mutter verdient das Geld?« fragte sie.
    »Sie arbeitet in einem Büro. Bei einem Rechtsanwalt«, erklärte Laura.
    Es wird, dachte Frances resigniert, eines der ungelösten Rätsel in meinem Leben bleiben, weshalb Alice diese Niete Hugh geheiratet hat. Ich werde es nie begreifen.
    Als sie in Westhill ankamen, war der Regen so stark geworden, daß sie auf dem kurzen Weg vom Auto zur Haustür alle pitschnaß wurden. Frances sah, daß die Kinder vor Kälte zitterten und völlig übermüdet waren. Sie waren die ganze Nacht unterwegs gewesen und hatten vermutlich kein Auge zugetan, und in den Nächten davor wegen des Fliegeralarms ebenfalls nicht. Sie schienen am Ende ihrer Kräfte, und auch die lebhaftere Marjorie wurde zusehends apathisch.
    »Ihr nehmt jetzt erst einmal ein heißes Bad«, bestimmte sie, »und dann legt ihr euch ins Bett. Ihr seht beide hundemüde aus. Adeline wird euch etwas zu essen bringen.«
    »Bitte machen Sie sich keine Umstände«, sagte Laura.
    »Unsinn! Wir werden . . .« Sie unterbrach sich, als sie Adeline aus der Küche kommen sah.
    »Adeline! Adeline, das sind unsere Gäste. Laura und Marjorie Selley. Kinder, das ist Adeline. Sie wird euch euer Zimmer zeigen und ein Bad einlassen. Nicht wahr, Adeline?«
    Leise sagte Adeline: »Mrs. Marguerite ist da. Sie ist mit Victoria im Wohnzimmer.«
    »Dann ist sie ja doch noch gekommen! Victoria hatte sich schon Sorgen gemacht. Ich habe gleich gesagt, daß . . .« Ein zweites Mal unterbrach sie sich selbst, als sie sich des Ausdrucks auf Adelines Gesicht bewußt wurde.
    »Ist etwas nicht in Ordnung?«
    »Ich bringe die Kinder hinauf«, sagte Adeline hastig. Frances nickte.

    Sie hatte es gewußt. Seit sie am Morgen aufgestanden war, hatte sie gewußt, daß dieser Tag nur Unheil bringen würde. Sie war deprimiert gewesen und ruhelos und hatte ständig eine Bedrohung gespürt. Nun stand sie im Wohnzimmer Marguerite gegenüber, die in Maureens Sessel kauerte, bleich wie der Tod, mit starren, großen Augen. Sie sah aus wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen war. Ihre Hände hielten eine Teetasse umklammert, so fest, daß die Knöchel an ihren Fingern weiß hervortraten. Die Tasse war noch voll, sie konnte keinen einzigen Schluck getrunken haben, aber sie hielt sie in Brusthöhe, als wäre sie aus irgendeinem Grund plötzlich erstarrt. Victoria stand ein Stück hinter ihr, elegant angezogen wie immer und ebenfalls sehr blaß.
    »Ist es denn sicher, daß es stimmt?« fragte Frances.
    Victoria zuckte mit den Schultern. »Es war ein offizielles Schreiben an seine Mutter. Aus Deutschland. Fernand Brunet sei leider an einer Lungenentzündung gestorben.«
    »Sie könne die Urne mit seiner Asche haben.« Marguerites bleiche Lippen bewegten sich kaum beim Sprechen. »Das haben sie auch geschrieben. Aber sie müsse dann die Zustellungskosten übernehmen.«
    »Diesen Brief haben Sie aber nie gesehen, Marguerite.«
    Marguerite schien sich plötzlich der Tasse zu entsinnen, die sie noch immer festhielt. Mit einem leisen Klirren stellte sie sie ab. Der Tee schwappte über die Tischplatte.
    »Es gibt keinen Grund, die Existenz des Briefes anzuzweifeln«, sagte sie. »Fernands Mutter hat es den Pariser Freunden erzählt, die mir bei meiner Flucht geholfen haben. Sie haben mir geschrieben. Warum sollte das alles nicht stimmen? Wer hätte etwas davon, wenn es erfunden wäre?«
    Darauf wußte Frances nichts

Weitere Kostenlose Bücher