Das Phantom im Netz
Glauben, er sei beim DMV, bei mir anrief, verlangte ich die entsprechenden Legitimationen: Name, Abteilung, Passwort, Führerscheinnummer, Geburtsdatum und so weiter. Aber ich riskierte im Grunde nichts, denn keiner der Anrufer hatte die leiseste Ahnung, dass der Typ am anderen Ende der Leitung gar nicht vom DMV war.
Ich gebe auch gerne zu, dass ich meist ein Grinsen unterdrücken musste, wenn solch ein Anruf kam – besonders, wenn jemand von der Polizei dran war.
Einmal bekam ich einen Anruf, während wir zu viert bei Bob Burns, einem noblen Steakhaus in Woodland Hills, zu Mittag aßen. Ich ließ alle am Tisch still sein, als mein Handy klingelte, und sie sahen mich an, als wollten sie sagen: »Was hast du denn für ein Problem?« Dann hörten sie mich aber schon sagen: »DMV, wie kann ich Ihnen helfen?« Jetzt tauschten sie »Was hat Mitnick da wieder ausgeheckt?«-Blicke. Ich lauschte derweil dem Anrufer und trommelte mit den Fingern der linken Hand auf den Tisch, damit es klang, als würde ich tippen.
Den anderen am Tisch dämmerte es langsam. Ihnen fielen die Kinnlade runter.
Als ich schließlich genug Legitimationsdaten zusammenhatte, wählte ich mich wieder in den Hauptverteiler ein und deaktivierte die Rufumleitung, bis ich erneut Zugangsdaten bräuchte.
Dass ich das DMV schließlich doch geknackt hatte, machte mich höchst zufrieden. Es war einfach ein superpraktisches Hilfsmittel, das mir später noch gute Dienste erweisen sollte.
Ich war aber immer noch erpicht zu erfahren, wie viel das FBI wusste, welche Beweise man gegen mich hatte und wie groß der Schlamassel war, in dem ich steckte. Würde ich da noch rauskommen und meinen Arsch retten können?
Ich wusste, dass es albern war, meine Nachforschungen zu Eric weiterzuführen. Aber wie schon so oft in der Vergangenheit reizten mich das Abenteuer und die intellektuelle Herausforderung.
Ich musste das Rätsel lösen. Eher würde ich nicht aufhören.
Mark Kasden von Teltec rief mich an und lud mich ein, mit ihm und Michael Grant zu Mittag zu essen. Michael war der Sohn in dem Vater-Sohn-Gespann, in dessen Besitz die Firma war.
Ich traf Mark und Michael in einem Coco‘s Restaurant in der Nähe ihres Büros. Michael war ein dicklicher Mann, der sehr selbstzufrieden wirkte – ja fast ein wenig eingebildet. Die beiden hatten Spaß daran, mich ins Erzählen zu bringen und von meinen Erlebnissen zu hören. Ich stellte heraus, wie erfolgreich ich das Social Engineering betrieben hatte. Sie verwendeten es auch, nannten es aber »aushorchen«. Sie waren beeindruckt, wie viel ich über Computer und insbesondere die Telefongesellschaft wusste. Noch beeindruckter waren sie von meinen Fähigkeiten bei der Suche nach Adressen, Telefonnummern und so weiter. Personen ausfindig zu machen, schien ein wichtiger Teil ihrer Tätigkeit. Sie nannten es »lokalisieren«.
Nach dem Essen nahmen sie mich mit in ihr Büro, im zweiten Stock eines Einkaufszentrums. Es gab dort einen Eingangsbereich samt Empfangsdame und je einem einzelnen Büro für die drei Detektive und drei Chefs.
Einen oder zwei Tage später kam Mark bei meinem Vater vorbei, um mir mitzuteilen: »Wir möchten, dass du für uns arbeitest.« Das Gehalt war nichts, mit dem man protzen konnte, aber man konnte gut davon leben.
Sie nannten meine Position »Researcher«, damit mein Bewährungshelfer keinen Verdacht schöpfte.
Man gab mir ein eigenes kleines Büro, das betont schlicht eingerichtet war: Tisch, Stuhl, Computer und Telefon. Keine Bücher, keine Bilder, nur nackte Wände.
Michael stellte sich als intelligenter Mann heraus, mit dem ich mich gut unterhalten konnte. Unsere Gespräche steigerten oft mein Selbstvertrauen, denn wenn ich ihm Dinge zeigte, die ich konnte, seine Mitarbeiter aber noch nie hinbekommen hatten, verfiel er in stürmische Begeisterung.
Mark und Michael wollten, dass ich mich zuerst einer ihnen angeblich vollkommen unverständlichen Situation widmete: Die Abhöranlagen, die ich an den Leitungen von Teltec entdeckt hatte – warum um alles in der Welt sollte den Gesetzeshütern ihr Handeln verdächtig erscheinen?
Sie hatten die Namen von zwei Personen, die vermutlich auf der anderen Seite an dem Fall arbeiteten: Detective David Simon vom Los Angeles County Sheriff‘s Department und Darrell Santos von der Pacific Bell Security. »Weißt du, wie man das Telefon eines Detective abhört?«, fragte mich einer meiner Bosse.
Ich antwortete: »Ja klar, aber das ist zu
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