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Das Spiel der Nachtigall

Das Spiel der Nachtigall

Titel: Das Spiel der Nachtigall Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tanja Kinkel
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den Palas hinter sich ließen, doch der schüttelte nur den Kopf und ging etwas schneller, um seinem Lehrmeister zu entkommen. Er wusste nicht, ob Reinmar ihm dafür danken wollte, dass er Herzog Friedrich nichts über ihre Anwesenheit in der Schenke erzählt hatte, oder Reue für seine Worte bekunden wollte. Oder vielleicht im Gegenteil sagen würde, dass Walther sich nicht so zimperlich anstellen solle und dass man eben spüre, wer von ihnen beiden ein Ritter war, der für die Sache Gottes im Heiligen Land gefochten hatte, und wer ein Weichling, der nur mit Worten zuschlagen konnte.
    Es war nicht so, dass er noch nie Tote gesehen hatte. Den alten Herzog natürlich, auch einige aus seiner Familie und deren Freunde in dem alten Leben seiner Kindheit, das er so gründlich neu geschaffen hatte. Er hatte weiß Gott den Gebrauch von Waffen miterlebt, wie bei den Turnieren, die am herzoglichen Hof alljährlich stattfanden, und auch in der Absicht, zu verletzen, wie es bei der Gefangennahme Richards von England geschehen war. Aber was sich gestern Abend ereignet hatte, war trotzdem etwas völlig anderes gewesen.
    Walther sagte sich, dass es Juden gewesen waren, Gottesmörder, aber das half nicht. Es wurde ihm immer noch speiübel, wenn er an die unverhohlene Mordlust dachte, die sich gestern ausgetobt hatte, unter Menschen, die nur kurze Zeit vorher fröhlich miteinander gezecht und Lieder gesungen hatten. Seine Lieder; auch das verursachte ihm nun Übelkeit, denn inzwischen war ihm wieder eingefallen, wie es sich angefühlt hatte, das Misstrauen der Gäste einer anderen Schenke in Erdberg auf ein kleines Häuflein fremder Gäste zu lenken. Damals hatte er nichts anderes im Sinn gehabt, als die Wirtin zu beeindrucken, und die Rufe waren »Zahlen! Zahlen!« gewesen, nicht »Schlagt den Juden tot!«. Aber es war ein gutes Gefühl gewesen, ein berauschendes Gefühl, mit nur ein paar Worten die Gefühle und das Handeln der Menschen beeinflussen zu können. Tat er das nicht jedes Mal, wenn er vortrug? Er war sogar stolz darauf, zum Meister darin geworden zu sein.
    Gestern dagegen, da hatte er geschwiegen. Vielleicht hätte es keinen Unterschied gemacht, aber als die Menge anfing, aus der Schenke in Richtung der Synagoge zu drängen, in deren Nähe Salomon wohnte, da hätte er versuchen können, sie aufzuhalten. Hätte so laut wie möglich brüllen können: »Gute Leute, halt! Denkt nach! Wenn der Jude seinen Diener zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt hat, wenn er dem alten Herzog Böses wollte, dann klagt ihn vor Herzog Friedrich an! Werdet nicht selbst zu Mördern! Hört auf mich, auch ich war am Sterbebett des alten Herzogs!« Aber er hatte nichts dergleichen getan. Die Angst, die ihn beim Anblick der mordlustigen Meute gepackt hatte, war tief und namenlos gewesen und war ihm so sehr in die Knochen gefahren, dass er jetzt noch zitterte. Er hatte auf die Menschen geschaut, die gleichen, die gerade noch gefeiert hatten, die gleichen, in denen er eben noch einen dankbaren Haufen Zuhörer für seine Lieder gesehen hatte, und war überzeugt gewesen, dass sie ihn ebenfalls umbringen würden, wenn er sich ihnen in den Weg stellte. Und er war bereit gewesen, den Münzmeister Salomon der Menge und ihrem Hass zu überlassen, nur um vor der grauenhaften Gewissheit davonrennen zu können, dass in den Händen dieser Menschen auch sein Tod lauerte.
    Er war ein Feigling.
    Deswegen war es ihm unmöglich gewesen, etwas zu Herzog Friedrich zu sagen. Nicht, weil er Reinmar beschützen wollte. Reinmar … Walther fragte sich, ob er ihn je wirklich gekannt hatte. Der gute alte Reinmar, so hatte er ihn in Gedanken immer genannt, doch der gute alte Reinmar wusste, was es hieß, einen anderen Menschen zu töten. Bis zum gestrigen Abend hatte Walther nicht verstanden, wie tief der Groll in ihm saß, wie sehr er Reinmar verletzt haben musste mit zwei Jahren voller Spott, um die Gunst des neuen Herrschers zu gewinnen. Die zornigen Worte über jemanden, der im Angesicht des toten Herzogs nur an den Gewinn dachte, den ihm das brachte, die hatten nicht Salomon gegolten, sondern ihm. Und doch war der Jude dafür gestorben, er und fünfzehn andere Menschen, die zu seinem Haushalt und seiner Familie gehörten. Heute Morgen hatte Walther erfahren, dass fünf der Toten Frauen gewesen waren, und das fühlte sich an wie ein weiterer Schlag in den Magen. Eine bittere Scham, die ihn von innen her langsam auffraß.
    »Hatte eine von ihnen rote Haare?«, hatte er

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