Dave Duncan
Muskeln, seine Arme waren von Narben übersät, seine Beine unterhalb des Fensterbretts blieben unsichtbar. Sein dickes Haar hing wie Silber auf seine Schultern und bewegte sich kaum im Wind. Es war nicht, wie Rap zuerst gedacht hatte, Darad. Dieser Mann war jünger, eher glatt als haarig. Er hatte weniger Narben und keine sichtbaren Tätowierungen. Es war nicht Darad, aber er war beinahe genauso groß. Und er wollte sich gerade umdrehen.
Rap bemerkte, daß Inos sich an ihm festkrallte, und ihr Griff wurde immer fester, während der Mann sich umdrehte. Würde er sie so sehen können, wie sie ihn sahen? Rap wollte Inos gerade loslassen und nach den Fensterflügeln greifen–
»Es ist Kalkor!« erscholl Sagorns Stimme hinter ihnen. »Der Than von Gark. Und das ist die Volksversammlung von Nordland.«
Der Mann bewegte sich nicht mehr, aber er schien die Zuschauer neben sich nicht zu bemerken, die jetzt sein hageres Jotunngesicht im Profil erkennen konnten. Als Rap es betrachtete, konnte er sich denken, woher der Mann seinen Ruf hatte, und Inos begann in seinen Armen zu zittern. Auf seine Art war es beinahe ein gutaussehendes Gesicht, aber Kalkors Erscheinung paßte zu seinem Ruf. Rap hätte einen älteren Mann erwartet. Noch nie hatte er ein Gesicht gesehen, in dem so deutlich Grausamkeit und unnachgiebige Entschlossenheit geschrieben standen. Nur ein tapferer Mann würde es wagen, den Zorn des Than Kalkor heraufzubeschwören.
Eine Art Zeremonie war gerade im Gange. Er schien zu warten. Dann trat ein anderer Mann von der Seite ins Bild, ein älterer Mann mit einer roten Wollrobe, vom Regen durchtränkt, mit einem zeremoniellen Helm, der mit Hörnern verziert war. Er trug eine riesige Axt, die er jetzt anhob und waagerecht vor sich hielt, wobei er beide Arme benutzen mußte, damit das große Gewicht nicht in seinen Händen schwankte. Eilig stieß er einige Worte in einer Sprache aus, die Rap unbekannt war.
Kalkor streckte steif eine Hand aus und ergriff die monströse, zweischneidige Streitaxt. Sie mußte eine Tonne wiegen, dachte Rap, der sah, wie die dicken Schultern sich anspannten, als Kalkor die Last auf Armeslänge von sich hielt und sich zurücklehnte, um das Gleichgewicht zu behalten.
Die Volksversammlung von Nordland? Jetzt sah Rap, als er in den dunstigen Hintergrund lugte, das, was Sagorn schon früher entdeckt hatte – ein großer flacher Rasenplatz, kahles grünes Moor unter einem weinenden grauen Himmel. Ein riesiges Publikum drängte sich in einem unregelmäßigen Kreis um den Kampfplatz, in Nebel und Regen kaum voneinander zu unterscheiden. Es war ein öde unheilvolle Szene, barbarisch und tödlich.
An dem Hintergrund war etwas Geisterhaftes, Unwirkliches, ganz anders als die deutliche Schärfe von Kalkor und seinem Gefährten oder als die Wüste in der ersten Szene. Lag das nur am Regen?
Rap richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Vorgänge im Vordergrund. Kalkor hob die Axt an seine Lippen, legte sie dann über seine Schulter und bewegte sich dabei mit militärischer Präzision. Er wog die Axt in seinen Händen, wirbelte dann schnell herum und wandte seinen Rücken wieder den Zuschauern zu. Die blauweiß schimmernde Schneide schien beinahe in die Kammer hereinzuragen.
Einen Augenblick lang hatten die Geräusche am Fuße der Treppe aufgehört, doch dann ging es um so lauter weiter. Die Imps mußten gerade die Tür zum königlichen Schlafgemach aufbrechen.
Kalkor marschierte über den Rasen zum Zentrum des Kreises, die Axt auf seiner Schulter. Er trug nichts als die Tierhaut um seine Hüften, seine Beine und Füße waren nackt.
Der Mann in der roten Robe hatte sich zurückgezogen. Es schien nicht mehr gefährlich, etwas zu sagen. »Was ist die Volksversammlung von Nordland?« fragte Rap.
»Sie wird jedes Jahr in der Mitte des Sommers in Nintor abgehalten«, antwortete Sagorn ruhig. »Die Thans klären ihre Streitigkeiten durch rituelle Kämpfe.«
»Ich wette, daß Kalkor noch nie einen Streit verloren hat.«
»Aber das hier ist Inos’ Prophezeiung! Versteht Ihr nicht, Junge? Kalkor wird ihr Königreich erobern, und sie wird ihre Beschwerde gegenüber der Volksversammlung vorbringen!«
»Ich hoffe, mir wird gestattet, daß ein Meister für mich kämpft«, sagte Inos. »Ich glaube nicht, daß ich eine Axt auch nur hochheben könnte. Das wäre ein echtes Handicap.«
Niemand lachte. Gedämpfte Stimmen in der Ferne waren das einzige Geräusch, zu weit entfernt, um einzelne Worte
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