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â Sie haben ja Humor, grunzt der Pfleger und kneift beherzt in den Speckgürtel, als wolle er zeigen, daà auch die Siegener lustig sein können. Wollen mir mal sehen, sagt sich der Jüngste und fragt, ob der Pfleger den kenne: Was ist schlimmer als Verlieren? Siegen! ruft die Ãrztin aus dem Nebenzimmer.
Den Absatz über Urlaub in Polen scheint kaum jemand bemerkt zu haben. Es gab auch nicht viel mehr Zugriffe auf die Website als üblich. Ein User mailte lediglich, daà der Mensch ein zweites Gehör habe, das sogenannte Sacculus. Das Sacculus sei ein zweites Gehörorgan am Labyrinth oder Innenohr, also jenem »Teil des Schläfenknochens, in dem die Organe für das Gehör und den Gleichgewichtssinn liegen«. Im Alltag würden wir das Sacculus allerdings nicht bemerken. Weil es nur extrem hohen Lärm registriere, sei es weitgehend verkümmert. Vielleicht ist es auch verkümmert und registriert deshalb nur hohen Lärm. Der Romanschreiber kann der Mail nicht entnehmen, wie herum es der User meint. Etwa ab 95 Dezibel würden wir zusätzlich mit dem Sacculum hören. Das Dröhnen von innen, das der Romanschreiber bezeuge, sei ein objektiv feststellbares und anatomisch erklärbares Phänomen. Manche Formen der Musik und insgesamt natürlich die Rockmusik seien dafür gemacht, laut gespielt und gehört zu werden: Made loud to be played loud , wie es im Vorspann von Year of the Horse heiÃt. Verleitet durch das Interesse einer zugegeben noch sehr kleinen, aber allgemeinen Leserschaft, wird der Romanschreiber den Absatz über Urlaub in Polen der Zeitung anbieten, die es vielleicht in der Wochenendbeilage oder auf der Jugendseite abdrucken könnte. Copy & paste wäre als Brotberuf ehrlicher, als mit Meinungen zu handeln, bequemer, als Arabisch und Englisch zu unterrichten, und besser bezahlt als die Ãbersetzungen für den »Donner«, die GroÃvater weiterhin für zehn Dinar pro Artikel anfertigte. UrgroÃvaters Brief stiftete ihn an, ein zweites Mal den Agha Seyyed Abolhassan Tabnejad zu besuchen, für den zu arbeiten bestimmt kein Brotberuf sein würde. »Ich fragte, und er gab mir ausreichende Antworten.« Welche Fragen GroÃvater wohl stellte? Sein älterer Cousin Enayatollah Sohrab hätte das Gespräch in einem langen Kapitel nacherzählt. GroÃvater schreibt nur, daà die Antworten ausreichten. Im Unterschied zu anderen Süchtigen, die GroÃvater kannte, lud der Seyyed niemanden ein, mit ihm zu rauchen oder zu trinken. Er hielt auch niemanden ab. Wer wollte, nahm sich die Pfeife oder einen Schnaps; wer nicht, lieà es. Sein Geld verdiente der Seyyed als Richter. Der Justizminister Nasr od-Douleh, der in meinen Büchern nicht erwähnt wird, kannte ihn gut, und obwohl der Seyyed so schäbig wohnte, hatte er jeden Abend Besuch von Mitgliedern der Aristokratie, die ihn verehrten. Jedesmal hofften sie, etwas für den Seyyed tun zu dürfen, eine Gefälligkeit, eine Erledigung auf dem Amt, eine Besorgung aus dem Ausland. Allein, der Seyyed brauchte nichts. Sie rauchten, sie tranken, und sie redeten über die Wege zu Gott, das heiÃt, meistens redete der Seyyed oder schwiegen alle. Ich glaube nicht, daà GroÃvater mittrank oder mitrauchte; er hätte es als Sünde erwähnt. So vergingen die Monate, weitgehend beschäftigungslos bis auf die Abende beim Seyyed. Einen Koch konnte GroÃvater sich nicht mehr leisten, nur selten ein Tschelo-Kabab. Nach ein paar Monaten stellte der Seyyed endlich die Frage, ob GroÃvater für ihn arbeiten wolle. Er sei zum Gerichtspräsidenten von Saweh ernannt worden und benötige einen Assistenten. Ohne nach der genauen Tätigkeit, dem Gehalt oder der Dauer des Aufenthalts zu fragen, sagte GroÃvater zu. Mit der Kutsche fuhren sie nach Saweh, wo sie einige Zimmer bezogen, die im Gerichtsgebäude für sie hergerichtet worden waren. Vom ersten Tag an plazierte der Seyyed GroÃvater bei den Verhandlungen neben sich und sprach mit ihm wie mit einem Kollegen. Es waren Monate voller Erlebnisse, von denen GroÃvater kein einziges schildert, die Tage im Gerichtssaal oder hinter Akten, die Abende mit dem Seyyed und den Honoratioren, die auch in der Provinz an seinen Lippen hingen. Unter allen Episoden aus Saweh, die zu lesen doch interessant gewesen wäre, geht GroÃvater einzig auf die MiÃgunst eines älteren Kollegen ein, Scheich Mohammad
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