Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
verehrte Freund wanke dem Grabe zu, und wir sehen ihn — obwohl sein Alter noch vieles hätte können hoffen lassen (er hatte die Fünfzig kaum überschritten), diesmal zum letzten Male. Die-sem Manne hatte und habe ich viel zu verdanken. Er war mein Lehrer in der Religion und der nahe damit verwandten Naturlehre; er pflanzte Keime in mein Herz, die spät noch mir segensreiche Früchte der Gottergebenheit und Zufriedenheit trugen. Dort — wo er schon lange ist und ich ihm wohl bald nachfolgen werde, wird ihn Gott dafür belohnt haben; denn er hat nicht bloß an mir, sondern an vielen Gutes geübt, und das Land segnet noch sein Andenken.
Auf jener Reise kamen wir auch nach Stift Flo-rian, wo ich 14 Jahre früher ebenfalls gewesen war,' als eben der Prälat Michael Ziegler *'2), der uns jetzt 1 806 wieder aufnahm, zu seiner Würde erhoben wurde. Hier lernte ich auch den, nachmals durch seine histo-rischen Forschungen so sehr ausgezeichneten Chor-herrn Franz Kurz*'^ kennen, wie denn überhaupt in diesem Stifte Männer von hoher Geistesbildung und mannigfacher wissenschaftlicher Richtung lebten und zum Teil noch leben, so daß es mich oft bedünkte, ich befände mich nicht in einem Kloster, sondern in einer
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Franz Kurz
Leopold Schulz pinx., Friedrich Leybold lith. k, k. Fidei-Commiß-Bibliothek, Wien
Akademie *'*), in der mehrere Gelehrte oder sonst ge-bildete Männer sich in ihren Bestrebungen zu höhern literarischen Zwecken vereinigt hätten. Auch für die schönen Künste geschah manches — Dichtkunst und Musik wurde hier getrieben, und die Stiftsbibliothek hat vor andern ihresgleichen den Ruhfn einer muster-haften Ordnung und eines steten Fortschreitens mit der Zeit. Mit Herrn Kürz, dessen lebhafte, geistreiche Unterhaltung mich sehr anzog, war ich indessen in ewigem Streite, da seine klaren, aber wohl etwas nüch-ternen Ansichten vom Mittelalter und der Poesie über-haupt, den meinigen gerade entgegengesetzt waren. Den würdigen Prälaten, einen ebenso gelehrten als höchst verehrungswerten Mann, belustigte unsere Opposition. Er veranlaßte daher fast bei jeder Mit-tagstafel eine solche Erörterung unter uns, und ging im Scherze so weit, zu fordern, ich sollte meinen Streit nach allen Regeln der Dialektik, nach den Schluß-formeln des Barbara celarent usw. führen. Das gab denn allen vielen Spaß, und so verflossen in geistreicher Unterhaltung, in musikalischen Genüssen (jeden Abend nach dem Souper, das schon um 7 Uhr statt hatte, wurde in unsern Zimmern Musik gemacht) und den einfachen Freuden des Landlebens mir einige kösthche Tage. Ich hatte damals eben angefangen, an meinem Agathokles zu arbeiten. In Stift Florian erzählte man mir, daß der Schutzpatron desselben, jener gehar-nischte Heilige mit dem Wasserkruge, den er über ein Haus in Flammen ausgießt, und sich so als ein Retter in Feuersgefahr kund gibt, und den man in Österreich besonders auf dem Lande vielfach abgebildet und ver-ehrt findet — daß dieser Heilige ein römischer Zen-turio gewesen, und hier bei der Verfolgung unter Kai-
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ser Diokletian in den Fluten der Enns den Martertod erlitten habe. Das gefiel mir, mein Plan zum Aga-thokles war noch nicht ganz ausgearbeitet. Ich konnte die vaterländische Legende recht wohl in denselben verweben. Ich fragte also näher nach, und Herr Kurz hatte die Güte, mir folgendes zu erzählen*'^): Flori-anus stand bei einer der römischen Legionen, die ihre Kastelle an den Ufern der Donau hatten, und war wahrscheinlich in dem alten Laureacum — Lorch —, das sich von dem heutigen Asten bis Enns erstreckt haben mag, stationiert. Seine Weigerung, den Götzen zu opfern, hatte ihm den Tod in den Fluten der Enns zugezogen. Eine fromme, christliche Witwe, Valeria mit Namen, ließ den Körper aus dem Strom ziehen und auf einen Wagen legen, der, von Ochsen gezogen, die teuren Reste bis in diese waldigen Hügel, wo jetzt das Stift liegt, zur christlichen Beerdigung bringen sollte. Aber der Weg war weit, der Tag heiß, die mü-den Tiere, nach Wasser lechzend, erlagen fast der Er-schöpfung. Da entsprang plötzlich am Eingang der Waldschlucht eine Quelle, die Ochsen wurden ge-tränkt, und gelangten nun ohne weiteres Hindernis bis an den bestimmten Ort. Hier wurde der christHche Held durch Valeriens fromme Sorge, und später auch sie begraben, und es erhob sich endhch ein bewohnter Ort und ein Stift daselbst, das noch jetzt keinen an-dern guten Brunnen, als den durch jenes
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